| Typ/Viewer: RSS/ Podcatcher für Podcasts | Aktualisiert: 09.02.2012 | Aufrufe: 307 |
Kategorie: Literatur
Elisa Theusner liest Klassiker und alte philosophische Werke. "Das Wort ist die Macht in deinem Ohr, dein Gefühl zu akzeptieren und neu zu erleben."
Nachrichten aus dem RSS-Feed: Lesung.Potspot.de
(49) Heinrich Heine "Die Heil'gen Drei Könige"(Tue, 20 Dec 2011 17:47:39 +0100) Die Heil'gen Drei Könige aus Morgenland,
Sie frugen in jedem Städtchen:
"Wo geht der Weg nach Bethlehem,
Ihr lieben Buben und Mädchen?"
Die Jungen und Alten, sie wußten es nicht,
Die Könige zogen weiter;
Sie folgten einem goldenen Stern,
Der leuchtete lieblich und heiter.
Der Stern blieb stehn über Josephs Haus,
Da sind sie hineingegangen;
Das Öchslein brüllte, das Kindlein schrie,
Die Heil'gen Drei Könige sangen.
Bild: Dreikönigsbild des Meisters von Meßkirch, um 1538
Musik: Ulrike Theusner
(48) Sigmund Freud "Vergänglichkeit"(Tue, 07 Dec 2010 21:59:22 +0100) Vor einiger Zeit machte ich in Gesellschaft eines schweigsamen Freundes und eines jungen, bereits rühmlich bekannten Dichters einen Spaziergang durch eine blühende Sommerlandschaft. Der Dichter bewunderte die Schönheit der Natur um uns, aber ohne sich ihrer zu erfreuen. Ihn störte der Gedanke, daß all diese Schönheit dem Vergehen geweiht war, daß sie im Winter dahingeschwunden sein werde, aber ebenso jede menschliche Schönheit und alles Schöne und Edle, was Menschen geschaffen haben und schaffen könnten. Alles, was er sonst geliebt und bewundert hätte, schien ihm entwertet durch das Schicksal der Vergänglichkeit, zu dem es bestimmt war.
Wir wissen, daß von solcher Versenkung in die Hinfälligkeit alles Schönen und Vollkommenen zwei verschiedene seelische Regungen ausgehen können. Die eine führt zu dem schmerzlichen Weltüberdruß des jungen Dichters, die andere zur Auflehnung gegen die behauptete Tatsächlichkeit. Nein, es ist unmöglich, daß all diese Herrlichkeiten der Natur und der Kunst, unserer Empfindungswelt und der Welt draußen, wirklich in Nichts zergehen sollten. Es wäre zu unsinnig, und zu frevelhaft daran zu glauben. Sie müssen in irgend einer Weise fortbestehen können, allen zerstörenden Einflüssen entrückt.
Allein diese Ewigkeitsforderung ist zu deutlich ein Erfolg unseres Wunschlebens, als daß sie auf einen Realitätswert Anspruch erheben könnte. Auch das Schmerzliche kann wahr sein. Ich konnte mich weder entschließen, die allgemeine Vergänglichkeit zu bestreiten, noch für das Schöne und Vollkommene eine Ausnahme zu erzwingen. Aber ich bestritt dem pessimistischen Dichter, daß die Vergänglichkeit des Schönen eine Entwertung desselben mit sich bringe.
Im Gegenteil, eine Wertsteigerung! Der Vergänglichkeitswert ist ein Seltenheitswert in der Zeit. Die Beschränkung in der Möglichkeit des Genusses erhöht dessen Kostbarkeit. Ich erklärte es für unverständlich, wie der Gedanke an die Vergänglichkeit des Schönen uns die Freude an demselben trüben sollte. Was die Schönheit der Natur betrifft, so kommt sie nach jeder Zerstörung durch den Winter im nächsten Jahre wieder, und diese Wiederkehr darf im Verhältnis zu unserer Lebensdauer als eine ewige bezeichnet werden. Die Schönheit des menschlichen Körpers und Angesichts sehen wir innerhalb unseres eigenen Lebens für immer schwinden, aber wenn es eine Blume giebt, welche nur eine einzige Nacht blüht, so erscheint uns ihre Blüte darum nicht minder prächtig. Mag eine Zeit kommen, wenn die Bilder und Statuen, die wir bewundern, zerfallen sind, oder ein Menschengeschlecht nach uns, welches die Werke unserer Dichter und Denker nicht mehr versteht, oder selbst eine geologische Epoche, in der alles Lebende auf der Erde verstummt ist, der Wert all dieses Schönen und Vollkommenen wird nur durch seine Bedeutung für unser Empfindungsleben bestimmt.
Ich hielt diese Erwägungen für unanfechtbar, ich bemerkte aber, daß ich dem Dichter und dem Freunde keinen Eindruck gemacht hatte. Es muß die seelische Auflehnung gegen die Trauer gewesen sein, welche ihnen den Genuß des Schönen entwertete. Die Vorstellung, daß dies Schöne vergänglich sei, gab den beiden Empfindsamen einen Vorgeschmack der Trauer um seinen Untergang, und da die Seele vor allem Schmerzlichen instinktiv zurückweicht, fühlten sie ihren Genuß am Schönen durch den Gedanken an dessen Vergänglichkeit beeinträchtigt.
Dem Psychologen ist die Trauer ein großes Rätsel. Wir stellen uns vor, daß wir ein gewisses Maß von Liebesfähigkeit, genannt Libido, besitzen, welches sich in den Anfängen der Entwicklung dem eigenen Ich zugewendet hatte. Später, aber eigentlich von sehr frühe an, wendet es sich vom Ich ab und den Objekten zu, die wir solcher Art gewissermaßen in unser Ich hineinnehmen. Werden die Objekte zerstört oder gehen sie uns verloren, so wird unsere Liebesfähigkeit wieder frei. Sie kann sich andere Objekte zum Ersatz nehmen oder zeitweise zum Ich zurückkehren. Warum aber diese Ablösung von ihren Objekten ein so schmerzhafter Vorgang sein sollte, das verstehen wir nicht. Wir sehen nur, daß sich die Libido an ihre Objekte klammert und die verlorenen auch dann nicht aufgeben will, wenn der Ersatz bereit liegt. Das also ist die Trauer.
Die Unterhaltung mit dem Dichter fand im Sommer vor dem Krieg statt. Ein Jahr später brach der Krieg herein und raubte der Welt ihre Schönheiten. Er zerstörte nicht nur die Schönheit der Landschaften, die er durchzog, und die Kunstwerke, an die er auf seinem Weg streifte, er brach auch unseren Stolz auf die Errungenschaften unserer Kultur, unseren Respekt vor so vielen Denkern und Künstlern, unsere Hoffnungen auf eine endliche Überwindung der Verschiedenheiten unter Völkern und Rassen. Er beschmutzte die erhabene Unparteilichkeit unserer Wissenschaft, stellte unser Triebleben in seiner Nacktheit blos, entfesselte die bösen Geister in uns, die wir durch die Jahrhunderte währende Erziehung von Seiten unserer Edelsten dauernd gebändigt glaubten. Er machte unser Vaterland wieder klein und die andere Erde wieder fern und weit. Er raubte uns sovieles, was wir geliebt hatten, und zeigte uns die Hinfälligkeit von manchem, was wir für beständig gehalten hatten.
All jene, jetzt verlorenen Güter, sind sie uns wirklich entwertet worden, weil sie sich als so hinfällig und widerstandsunfähig erwiesen haben? Ich glaube, die so denken und zu einem dauernden Verzicht bereit scheinen, weil das Kostbare sich nicht als haltbar bewährt hat, befinden sich nur in der Trauer über den Verlust. Wir wissen, die Trauer, so schmerzhaft sie sein mag, läuft spontan ab. Wenn sie auf alles Verlorene verzichtet hat, hat sie sich auch selbst aufgezehrt, und dann wird unsere Libido wiederum frei, um sich, die verlorenen Objekte durch möglichst gleich kostbare oder kostbarere neue zu ersetzen. Es steht zu hoffen, daß es mit den Verlusten dieses Krieges nicht anders gehen wird. Wenn erst die Trauer überwunden ist, wird es sich zeigen, daß unsere Hochschätzung der Kulturgüter unter der Erfahrung von ihrer Gebrechlichkeit nicht gelitten hat. Wir werden alles wieder aufbauen, was der Krieg zerstört hat, vielleicht auf festerem Grund und dauerhafter als vorher.
Wien, November 1915.
Collage und Musik (Mitte): Elisa Theusner
Musik (Anfang und Ende): Ulrike Theusner
(47) Ludwig van Beethoven "Das Heiligenstädter Testament"(Sun, 18 Apr 2010 22:57:21 +0200) Empfehlt euren Kindern Tugend,
sie nur allein kann glücklich machen, nicht Geld
-
O ihr Menschen, die ihr mich für feindselig,
störrisch oder misantropisch haltet oder erkläret,
wie unrecht tut ihr mir;
ihr wißt nicht die geheime Ursache von dem,
was euch so scheinet;
mein Herz und mein Sinn waren von Kindheit an für das zarte Gefühl des Wohlwollens,
selbst große Handlungen zu verrichten,
dazu war ich immer aufgelegt,
aber bedenket nur,
daß seit 6 Jahren ein heilloser Zustand mich befallen,
durch unvernünftige Ärzte verschlimmert,
von Jahr zu Jahr in der Hoffnung, gebessert zu werden,
betrogen,
endlich zu dem Überblick eines dauernden Übels
(dessen Heilung vielleicht Jahre dauern oder gar unmöglich ist) gezwungen,
mit einem feuerigen, lebhaften Temperamente geboren,
selbst empfänglich für die Zerstreuungen der Gesellschaft,
mußte ich früh mich absondern,
einsam mein Leben zubringen, wollte ich auch
zuweilen mich einmal über alles das hinaussetzen,
o wie hart wurde ich dur[ch] die verdoppelte traurige Erfahrung meines schlechten Gehör's dann zurückgestoßen,
und doch war's mir noch nicht möglich,
den Menschen zu sagen:
sprecht lauter,
schreit,
denn ich bin taub,
ach wie wär es möglich,
daß ich dann die Schwäche eines Sinnes angeben sollte,
der bei mir in einem vollkommenern Grade als bei andern sein sollte,
einen Sinn, den ich einst in der größten Vollkommenheit besaß,
in einer Vollkommenheit,
wie ihn wenige von meinem Fache gewiß haben noch gehabt haben
- o ich kann es nicht,
drum verzeiht,
wenn ihr mich da zurückweichen sehen werdet,
wo ich mich gerne unter euch mischte;
doppelt wehe tut mir mein Unglück,
indem ich dabei verkannt werden muß,
für mich darf Erholung in menschlicher Gesellschaft,
feinere Unterredungen,
wechselseitige Ergießungen nicht statt haben,
ganz allein fast nur so viel, als es die höchste Notwendigkeit fodert,
darf ich mich in Gesellschaft einlassen,
wie ein Verbannter muß ich leben,
nahe ich mich einer Gesellschaft, so überfällt mich eine heiße Ängstlichkeit,
indem ich befürchte, in
Gefahr gesetzt zu werden,
meinen Zustand merken zu lassen
- so war es denn auch dieses halbe Jahr,
was ich auf dem Lande zubrachte,
von meinem vernünftigen Arzte aufgefordert,
so viel als möglich mein Gehör zu schonen,
kam er fast meiner jetztigen natürlichen Disposition entgegen,
obschon,
vom Triebe zur Gesellschaft manchmal hingerissen,
ich mich dazu verleiten ließ,
aber welche Demütigung,
wenn jemand neben mir stund und von weitem eine Flöte hörte,
und ich nichts hörte;
oder wenn jemand den Hirten singen hörte,
und ich auch nichts hörte;
solche Ereignisse brachten mich nahe an Verzweiflung,
es fehlte wenig,
und ich endigte selbst mein Leben
- nur sie, die Kunst, sie hielt mich zurück,
ach es dünkte mir unmöglich, die Welt eher zu verlassen,
bis ich das alles hervorgebracht, wozu ich mich aufgelegt fühlte;
und so fristete ich dieses elende Leben -
wahrhaft elend;
einen so reizbaren Körper,
daß eine etwas schnelle Veränderung mich aus dem besten Zustande in den schlechtesten versetzen kann -
Geduld - so heißt es,
sie muß ich nun zur Führerin wählen,
ich habe es - dauernd, hoffe ich, soll mein Entschluß
sein auszuharren, bis es den unerbittlichen Parzen gefällt, den Faden zu brechen,
vielleicht geht's besser, vielleicht nicht, ich bin gefaßt -
schon in meinem 28. Jahre gezwungen,
Philosoph zu werden,
es ist nicht leicht, für den Künstler, schwerer als für irgend jemand
- Gottheit,
du siehst herab auf mein Inneres; du kennst es, du weißt,
daß Menschenliebe und Neigung zum Wohltun drin hausen,
- o Menschen, wenn ihr einst dieses leset, so denkt, daß ihr mir unrecht getan,
und der Unglückliche, er tröste sich, einen seinesgleichen zu finden,
der trotz allen Hindernissen der Natur,
doch noch alles getan, was in seinem Vermögen stand,
um in die Reihe würdiger Künstler und Menschen aufgenommen zu werden -
Heiglnstadt
am 6ten October 1802
Ich bedanke mich herzlich bei Mauro Bertoli. Er spielte "Für Elise" von Ludwig van Beethoven. - www.maurobertoli.com
(46) Henrik Ibsen "Peer Gynt - Solveigs Lied" (Edvard Grieg)(Fri, 15 Jan 2010 22:45:59 +0100) Kanskje vil det gå både Vinter og Vår,
Vielleicht werden Winter und Frühjahr vergehen,
både Vinter og Vår,
og neste Sommer med, og det hele År
und der nächste Sommer gleich mit, und auch das ganze Jahr,
og det hele År
und auch das ganze Jahr,
men engang vil du komme, det vet jeg visst,
aber einmal wirst du kommen, das weiß ich gewiß,
det ved jeg vist,
das weiß ich gewiß,
og jeg skal nok vente, for det lovte jeg sist,
und ich werde auf dich warten, denn das versprach ich zuletzt,
det lovte jeg sidst.
Gud styrke deg, hvor du i Verden går
Gott stärke dich, wo du auch bist in der Welt,
i Verden går,
wo du auch bist in der Welt,
Gud glæde dig, hvis du for hans fotskammel står,
Gott soll dir Freude bringen, wenn du vor seinen Thron trittst,
for hans Fodskammel står.
Her skal jeg vente til du kommer igjen,
hier werde ich auf dich warten, bis du wieder kommst,
du kommer igjen;
og venter du histoppe,
und wartest du hier oben im Himmel bei Gott,
vi træffes der min Ven,
werden wir uns treffen, mein Freund
vi træffes der, min Ven!
Bild : Kittelsen
(45) Kurt Tucholsky "Kreuzworträtsel"(Thu, 29 Oct 2009 23:08:31 +0100) Kreuzworträtsel mit Gewalt
Der Arzt versank in meinem Bauch.
Dann richtete er sich hochaufatmend wieder auf.
»Es sind die Nerven, Herr Panter«, sagte er.
»An den Organen ist nichts.
Ruhe – Ausspannen – Massage – Rohkost – Gemüse – Gymnastik – kohlensaure Bäder ... passen Sie auf: wir kriegen Sie schon wieder hoch.
Schwester –!«
Da saß ich in dem Klapskasten, und nun war es zu spät.
(...)
Das konnte heiter werden.
Es wurde sehr heiter.
Ich absolvierte täglich ein längeres Zirkusprogramm,
von morgens um sieben bis mittags um halb eins.
Der Turnlehrer; die Wiegeschwester; der Bademeister; der Masseur; der Assistenzarzt; die Zimmerschwester ... sie alle waren emsig um mich bemüht.
Ich kam mir recht krank vor, und wenn ich mir krank vorkam, dann schnauzten sie mich an, was mir wohl einfiele – es ginge mir schon viel, viel besser.
Was war da zu machen?
Was war vor allem an den langen Nachmittagen zu machen,
die etwa acht- bis neunmal so lang waren wie die reichlich gefüllten Vormittage?
Lesen.
Das Salatorium – man sollte niemals: Sanatorium schreiben – das Salatorium hatte eine Bibliothek.
Die ersten acht Tage ging das ganz gut,
denn sie hatten da die Allgemeine Bibliothek der Unterhaltung
und des Wissens, eine Art Familienzeitschrift aus den neunziger Jahren –
und so beruhigend! Darin war von der neuen, schreckeinflößenden Erfindung des Telefons die Rede; von einem Wagen, der sich vermittels einer Maschine allein bewegen konnte, einem sogenannten Automobil; vorn war ein Roman mit Bildern: »Agathe liebkoste die entblätterte Rose und ließ sich auch durch das Zureden des Assessors von Waldern nicht trösten ... Seite 95« (...) .
Dies beschäftigte mich acht Tage lang.
Dann war es aus.
(...) Was nun –?
Eines Tages sah ich beim Bademeister auf dem Fensterbrett der Badekabine eine Rätselzeitschrift liegen.
Ich hatte nie gewußt, dass es so etwas gäbe.
Aber das gabs.
Darin waren Silbenrätsel enthalten und andre schöne Zeitvertreibe.
»Darf ich vielleicht ... könnten Sie mir das wohl mal leihen ... ?« fragte ich.
Er lieh.
Ich hatte kaum mein Müsli und den Salat und die halbe Pflaume gegessen,
als ich auf mein Zimmer eilte, den Bleistift spitzte und löste.
Ich verfüge über eine sehr lückenhafte Bildung.
Ich weiß nicht, wo Karakorum liegt;
ich weiß nicht, was eine Ephenide ist;
ich verwechsle immer Phänomenologie mit Pharmazeutik,
und es ist überhaupt ein Jammer.
Aber ich begann zu lösen.
Anfangs ging das ganz gut.
Alles, was ich auf Anhieb wußte, schrieb ich in die kleinen Quadrate,
und wenn ich nicht weiter konnte,
ließ ich das angebissene Rätsel liegen und machte mich an das nächste.
So hatte ich viele vergnügte Nachmittage.
Der Bademeister brachte mir, trinkgeldlüstern, noch weitere achtzehn Rätselzeitschriften, aber tückischerweise hatten sie keinen Zusammenhang untereinander, denn es fehlten immer grade die Nummern, in denen die Lösungen jener enthalten waren, an denen ich grade knabberte ...
also mußte ich versuchen, allein damit fertig zu werden,
und ich war ganz auf mich selber angewiesen.
Ich habe das nicht gerne – wer auf mich gebaut hat, hat noch stets auf Sand gebaut.
Aber ich löste.
Als ich die Zeitschriften vollgemalt hatte,
hatte ich fünf Kreuzworträtsel zu Ende gelöst.
Alle andern – und es waren deren eine Menge – wiesen bedrohliche Flecke auf. Was nun?
Nun zerbiß ich meinen Bleistift;
dann den Federhalter des Salatoriums;
dann meine Pfeife. Und ich war kribblig ... (...)
So oder so ... so ging es nicht mehr weiter.
»Berggipfel in den Seealpen.«
Nun bitte ich Sie in aller Welt!
Seealpen – wissen Sie, wo die Seealpen liegen?
Ich weiß das nicht.
Ich habe damals, als wir das durchgenommen haben, gefehlt,
oder ich habe grade unter der Bank Götz Krafft gelesen oder Jena oder Sedan...
Seealpen!
Drumherum die Reihen hatte ich; mir fehlten aber die Buchstaben, die man aus andern Reihen nicht erraten konnte.
Da brach ich die Kreuzworträtsel übers Knie.
KIKAM setzte ich.
Berggipfel in den Seealpen: KIKAM.
Ich fand das sehr schön.
Und dies ergötzte mich so, dass ich an einem Nachmittag zweiundzwanzig Kreuzworträtsel löste.
Mit Gewalt. Wer nicht hören will, muß fühlen.
Ich habe wundervolle Resultate erzielt.
LEBSCH: eine Hauptstadt in Europa.
Man erzähle mir nichts – warum soll unter den vielen, vielen europäischen Hauptstädten nicht eine dabei sein, die LEBSCH heißt?
MOREL: ein bekannter Südwein.
NEPZUS: ein Planet. (Nein, nicht Neptun – dann geht es nicht auf.) Kaufmännischer Begriff: PLEISE.
Ein Getränk der Araber: LORKE.
Ein Raubtier: der MOGELVOGEL; doch, das ist herausgekommen, das Wort, ihr sollt es lassen stahn.
Bekannter Gruß: HUMMEL. (was ja für Hamburg stimmt.)
Und es tauchten geradezu abenteuerliche Wörter auf: MIPPEL und FLUNZ und BAKIKEKE. so erbaute ich mir eine neue Welt.
Ich erzählte niemand davon.
Aber ich erlernte für mich privat eine neue Sprache: die Kreuzworträtsel-Sprache. Hätte ich es einem gesagt: sie hätten mich nie wieder aus dem Klapskasten hinausgelassen, und ich säße heute noch drin.
Aber die Wörter in meinem Herzen bewegend sprach ich den ganzen Tag kreuzisch und fragte mich Vokabeln ab und konnte es schon ganz schön.
»Nun, wie fühlen Sie sich denn jetzt –?« fragte der Onkel Oberdoktor in seiner, sagen wir, gütigen Art.
Ich antwortete nicht gleich. Unhörbar übte ich Vokabeln:
Auf des Doktors Schreibtitzl summte eine Failge;
die Sumis schien durch das Fenster, und der Himmel war plott.
Ich dachte emsig nach, wie doch der Körperteil heißt,
an dem ich so gut abgenommen hatte ...
»Wie Sie sich fühlen –?« wiederholte der Onkel Doktor, mildgereizt.
»Danke ... viel besser ... « stotterte ich. Wie hieß der Körperteil?
– »Aber manchmal etwas zerstreut ... ? Noch etwas nervös?«
fragte er und sah mich forschend an.
»Aber gar nicht, Herr Doktor«, sagte ich.
»Gar nicht. Ich fühle mich so frisch! Wirklich: famos! Sie haben mir sehr geholfen, sehr!« – »Na, das freut mich«, sagte er.
»Sehen Sie, ich habe es Ihnen ja gleich gesagt!«
Und er gab mir zum Abschied gute Ratschläge, darunter leider nicht den, die Rechnung nicht zu bezahlen.
Und erst als ich wieder draußen vor dem Tor des Salatoriums stand,
da fiel es mir ein. Ich wollte noch einmal zurück, um es dem Doktor mitzuteilen ... Ich tat es nicht.
MARS hieß der Körperteil.
(44) Johann Wolfgang von Goethe "Wilhelm Meisters Lehrjahre"(Fri, 03 Jul 2009 17:48:05 +0200) Achtzehntes Kapitel
Er war,
man darf sagen,
auf dem Theater geboren und gesäugt. (...)
Leider mußte er den Beifall,
den er an glänzenden Abenden erhielt,
in den Zwischenzeiten sehr teuer bezahlen.
Sein Vater, überzeugt,
daß nur durch Schläge
die Aufmerksamkeit der Kinder erregt
und festgehalten werden könne,
prügelte ihn beim Einstudieren
einer jeden Rolle zu abgemessenen Zeiten;
nicht, weil das Kind ungeschickt war,
sondern damit es sich desto gewisser
und anhaltender geschickt zeigen möge.
(...) Er wuchs heran
und zeigte außerordentliche Fähigkeiten
des Geistes
und Fertigkeiten des Körpers
und dabei eine große Biegsamkeit
sowohl in seiner Vorstellungsart
als in Handlungen und Gebärden.
Seine Nachahmungsgabe überstieg allen Glauben.
Schon als Knabe ahmte er Personen nach,
so daß man sie zu sehen glaubte,
ob sie ihm schon an Gestalt,
Alter und Wesen völlig unähnlich
und untereinander verschieden waren.
Dabei fehlte es ihm nicht an der Gabe,
sich in die Welt zu schicken,
und sobald er sich einigermaßen seiner Kräfte bewußt war,
fand er nichts natürlicher, als seinem Vater zu entfliehen,
der, wie die Vernunft des Knaben zunahm
und seine Geschicklichkeit sich vermehrte,
ihnen noch durch harte Begegnung nachzuhelfen für nötig fand.
Wie glücklich fühlte sich der lose Knabe nun in der freien Welt,
da ihm seine Eulenspiegelspossen
überall eine gute Aufnahme verschafften.
(...) Er schien hingerissen und lauerte auf den Effekt,
und sein größter Stolz war,
die Menschen stufenweise in Bewegung zu setzen.
(...) Dabei aber war seine Selbstigkeit äußerst beleidigt,
wenn er nicht jedem gefiel
und wenn er nicht überall Beifall erregte.
Wie dieser zu erlangen sei,
darauf hatte er nach und nach so genau achtgegeben
und hatte seinen Sinn so geschärft,
daß er nicht allein bei seinen Darstellungen,
sondern auch im gemeinen Leben
nicht mehr anders als schmeicheln konnte.
Und so arbeitete seine Gemütsart,
sein Talent und seine Lebensart
dergestalt wechselsweise gegeneinander,
daß er sich unvermerkt
zu einem vollkommnen Schauspieler ausgebildet sah.
Ja, durch eine seltsam scheinende,
aber ganz natürliche Wirkung
und Gegenwirkung stieg durch Einsicht und Übung
seine Rezitation, Deklamation und sein Gebärdenspiel
zu einer hohen Stufe von Wahrheit, Freiheit und Offenheit,
indem er im Leben und Umgang
immer heimlicher, künstlicher,
ja verstellt und ängstlich zu werden schien.
Bild: Ulrike Theusner "Me As Michael" - 2008
(43) Friedrich Nietzsche "Menschliches, Allzumenschliches"(Wed, 10 Jun 2009 20:55:56 +0200) 228
Der starke, gute Charakter
Die Gebundenheit der Ansichten,
durch Gewöhnung zum Instinkt geworden,
führt zu dem, was man Charakterstärke nennt.
Wenn Jemand aus wenigen,
aber immer aus den gleichen Motiven handelt,
so erlangen seine Handlungen eine grosse Energie;
stehen diese Handlungen im Einklange
mit den Grundsätzen der gebundenen Geister,
so werden sie anerkannt
und erzeugen in Dem, der sie tut,
die Empfindung des guten Gewissens.
Wenige Motive,
energisches Handeln
und gutes Gewissen machen Das aus,
was man Charakterstärke nennt.
Dem Charakterstarken fehlt die Kenntnis
der vielen Möglichkeiten und Richtungen des Handelns;
sein Intellekt ist unfrei, gebunden,
weil er ihm in einem gegebenen Falle
vielleicht nur zwei Möglichkeiten zeigt;
zwischen diesen muss er jetzt
gemäss seiner ganzen Natur mit Notwendigkeit wählen,
und er tut dies leicht und schnell,
weil er nicht zwischen fünfzig Möglichkeiten zu wählen hat.
Die erziehende Umgebung will jeden Menschen unfrei machen,
indem sie ihm immer die geringste Zahl von Möglichkeiten
vor Augen stellt.
Das Individuum wird von seinen Erziehern behandelt,
als ob es zwar etwas Neues sei,
aber eine Wiederholung werden solle.
Erscheint der Mensch zunächst als etwas Unbekanntes, nie Dagewesenes,
so soll er zu etwas Bekanntem, Dagewesenem gemacht werden.
Einen guten Charakter nennt man an einem Kinde
das Sichtbarwerden der Gebundenheit durch das Dagewesene;
indem das Kind sich auf die Seite der gebundenen Geister stellt,
bekundet es zuerst seinen erwachsenen Gemeinsinn;
auf der Grundlage dieses Gemeinsinns
aber wird es später seinem Staate oder Stande nützlich.
289
Wert der Krankheit
Der Mensch,
der krank zu Bette liegt,
kommt mitunter dahinter,
dass er gewöhnlich an seinem Amte,
Geschäfte oder an seiner Gesellschaft krank ist
und durch sie jede Besonnenheit über sich verloren hat:
er gewinnt diese Weisheit aus der Musse,
zu welcher ihn seine Krankheit zwingt.
Bild: Roger Noel
Musik: Ulrike Theusner
(42) Ada Christen "Wiedersehen"(Sun, 15 Mar 2009 21:39:47 +0100)
Ich hatt' ihn lang nicht mehr gesehen -
Und mich beinahe todt gesehnt;
Ich kam zurück zu ihm -
Und habe mich glücklich gewähnt.
Drei Stunden stand ich vor dem Thor
Im Regen pudelnaß
Und holte mir einen Schnupfen
Und Husten so zum Spaß.
In später Nacht kam er nach Haus
Und lud`mich mit Müh`nur ein;
Erzählte, er habe Kopfweh
Von schlechtem Ofnerwein.
Dann sprach er von seinem Windspiel,
Daß es kein schön'res gibt;
Und dann von einer Todten,
Die er vor Zeiten geliebt. -
Wir gingen plaudernd zu Bette
Er schlief sehr bald auch ein;
Ich aber mußte noch lange,
Sehr lange wach noch sein.
Der Mond schien still durch's Fenster,
Goß über den Schläfer sein Licht
Und sah, wie ich weinend küßte
Des blassen Mannes Gesicht.
Bild: Amedeo Modigliani
Klavier:Ulrike Theusner
function fbs_click() {u=location.href;t=document.title;window.open('http://www.facebook.com/sharer.php?u='+encodeURIComponent(u)+'&t='+encodeURIComponent(t),'sharer','toolbar=0,status=0,width=626,height=436');return false;} html .fb_share_link { padding:2px 0 0 20px; height:16px; background:url(http://b.static.ak.fbcdn.net/images/share/facebook_share_icon.gif?8:26981) no-repeat top left; }Auf Facebook teilen
(41) Kurt Tucholsky "Das Ideal"(Wed, 31 Dec 2008 18:26:58 +0100) Ja, das möchste:
Eine Villa im Grünen mit großer Terrasse,
vorn die Ostsee, hinten die Friedrichstraße;
mit schöner Aussicht, ländlich-mondän,
vom Badezimmer ist die Zugspitze zu sehn -
aber abends zum Kino hast dus nicht weit.
Das Ganze schlicht, voller Bescheidenheit:
Neun Zimmer - nein, doch lieber zehn!
Ein Dachgarten, wo die Eichen drauf stehn,
Radio, Zentralheizung, Vakuum,
eine Dienerschaft, gut gezogen und stumm,
eine süße Frau voller Rasse und Verve -
(und eine fürs Wochenend, zur Reserve) -
eine Bibliothek und drumherum
Einsamkeit und Hummelgesumm.
Im Stall: Zwei Ponys, vier Vollbluthengste,
acht Autos, Motorrad - alles lenkste
natürlich selber - das wär ja gelacht!
Und zwischendurch gehst du auf Hochwildjagd.
Ja, und das hab ich ganz vergessen:
Prima Küche - erstes Essen -
alte Weine aus schönem Pokal -
und egalweg bleibst du dünn wie ein Aal.
Und Geld. Und an Schmuck eine richtige Portion.
Und noch ne Million und noch ne Million.
Und Reisen. Und fröhliche Lebensbuntheit.
Und famose Kinder. Und ewige Gesundheit.
Ja, das möchste!
Aber, wie das so ist hienieden:
manchmal scheints so, als sei es beschieden
nur pöapö, das irdische Glück.
Immer fehlt dir irgendein Stück.
Hast du Geld, dann hast du nicht Käten;
hast du die Frau, dann fehln dir Moneten -
hast du die Geisha, dann stört dich der Fächer:
bald fehlt uns der Wein, bald fehlt uns der Becher.
Etwas ist immer.
Tröste dich.
Jedes Glück hat einen kleinen Stich.
Wir möchten so viel: Haben. Sein. Und gelten.
Dass einer alles hat:
das ist selten.
(40) Johann Wolfgang von Goethe "Das Göttliche"(Sun, 30 Nov 2008 21:49:46 +0100)
Edel sei der Mensch,
Hilfreich und gut!
Denn das allein
Unterscheidet ihn
Von allen Wesen,
Die wir kennen.
Heil den unbekannten
Höhern Wesen,
Die wir ahnen!
Ihnen gleiche der Mensch;
Sein Beispiel lehr uns
Jene glauben.
Denn unfühlend
Ist die Natur:
Es leuchtet die Sonne
Über Bös' und Gute,
Und dem Verbrecher
Glänzen wie dem Besten,
Der Mond und die Sterne.
Wind und Ströme,
Donner und Hagel
Rauschen ihren Weg
Und ergreifen,
Vorüber eilend,
Einen um den andern.
Auch so das Glück
Tappt unter die Menge,
Faßt bald des Knaben
Lockige Unschuld,
Bald auch den kahlen
Schuldigen Scheitel.
Nach ewigen, ehrnen,
Großen Gesetzen
Müssen wir alle
Unseres Daseins
Kreise vollenden.
Nur allein der Mensch
Vermag das Unmögliche:
Er unterscheidet,
Wählet und richtet;
Er kann dem Augenblick
Dauer verleihen.
Er allein darf
Den Guten lohnen,
Den Bösen strafen,
Heilen und retten,
Alles Irrende, Schweifende
Nützlich verbinden.
Und wir verehren
Die Unsterblichen,
Als wären sie Menschen,
Täten im Großen,
Was der Beste im Kleinen
Tut oder möchte.
Der edle Mensch
Sei hilfreich und gut!
Unermüdet schaff er
Das Nützliche, Rechte,
Sei uns ein Vorbild
Jener geahneten Wesen!
Collage: Elisa Theusner
Musik: Ulrike Theusner
(39) Johann Wolfgang von Goethe "Heidenröslein" 1771(Sat, 29 Nov 2008 21:14:17 +0100) Sah ein Knab ein Röslein stehn,
Röslein auf der Heiden,
War so jung und morgenschön,
Lief er schnell, es nah zu sehn,
Sah's mit vielen Freuden.
Röslein, Röslein, Röslein rot,
Röslein auf der Heiden.
Knabe sprach: Ich breche dich,
Röslein auf der Heiden!
Röslein sprach: Ich steche dich,
Daß du ewig denkst an mich,
Und ich will's nicht leiden.
Röslein, Röslein, Röslein rot,
Röslein auf der Heiden.
Und der wilde Knabe brach
's Röslein auf der Heiden;
Röslein wehrte sich und stach,
Half ihm doch kein Weh und Ach,
Mußt es eben leiden.
Röslein, Röslein, Röslein rot,
Röslein auf der Heiden.
Collage: Elisa Theusner
Musik:Ulrike Theusner
(38) Victor Hugo "Les Misérables" Gavroche dehors(Sun, 26 Oct 2008 21:02:41 +0100) Tome V - Jean Valjean
Chapitre XV : Gavroche dehors
Zwischen dem Kugelfeuer draußen auf der Straße
erblickte plötzlich Courfeyrac jemanden unten auf den Barrikaden.
Gavroche saß unbekümmert zwischen den getöteten Nationalgardisten
und plünderte ihre Patronentaschen.
"Was machst du da?" fragte Courfeyrac.
Gavroche sah in frech an.
"Citoyen, j’emplis mon panier."
("Na ich fülle meinen Korb." )
"Siehst du nicht wie sie schiessen?"
"Eh bien, il pleut. Après ?"
("Nun, es regnet.") erwiderte Gavroche.
"Komm mir bloß rein!" rief Courfeyrac.
Gavroche kam näher
"Tout à l’heure"
("Ja gleich in einer Stunde.")
und war mit einem Satz wieder auf der Straße.
Überall lagen Tote. Vielleicht zwanzig.
Für Garvroche bedeute dass,
etwa zwanzig Patronentaschen für die Verteidigung
der Barrikade einzusammeln.
Wie dichter Nebel bedeckte der Kriegsqualm die enge Straße.
Kämpfer und Kameraden wussten sich kaum zu unterscheiden.
Diese günstige Verworrenheit vor den Barrikaden
ließ unseren kleinen Garvroche ziemlich weit vorwagen.
Fast ungesehen waren die nächstliegenden sieben
oder acht Patronentaschen schnell in seinem Korb veschwunden.
Flink bewegte er sich von einem Toten zum Nächsten
und öffnete die Patronentaschen wie ein hungriger Affe Nüsse.
Um keine Aufmerksamkeit zu erregen, blieben die Kameraden bei den
Barrikaden ruhig und ermahnten ihn nicht zurückzukehren.
Bei einem Leichnam fand er ein Pulverhorn "pour la soif",
("für den Durst,")
und liess es in seiner Tasche verschwinden.
Doch im Eifer des Gefechts bemerkte er nicht,
dass er bereits den Strassenteil erreicht hatte,
auf dem der Rauch dünn war.
Plötzlich sahen die Soldaten, wie etwas sich im Qualm bewegte.
Und als Garvroche die nächste Patronentasche aufknüpfte,
traf eine Kugel die Leiche.
"Fichtre !" rief er empört. "Voilà qu’on me tue mes morts."
("Nun schiessen sie mir schon meine Toten tot!")
Eine zweite funkte neben ihm auf dem Pflaster auf.
Die dritte warf seinen Korb um.
Garvroche hielt inne
und schaute in die Richtung aus der die Kugeln gekommen waren.
Er richtete sich auf, die Haare im Wind, die Hände in den Hüften, der
Blick fest auf die Nationalgardisten gerichtet.
On est laid à Nanterre,
C’est la faute à Voltaire,
Et bête à Palaiseau,
C’est la faute à Rousseau.
Dann hob er seinen Korb auf,
sammelte die herausgefallenen Patronen wieder ein
und fuhr damit fort, die Taschen der toten Soldaten zu plündern.
Eine vierte Kugel verfehlte ihn.
Gavroche rief:
Je ne suis pas notaire,
C’est la faute à Voltaire,
Je suis petit oiseau,
C’est la faute à Rousseau.
Eine fünfte Kugel.
Joie est mon caractère,
C’est la faute à Voltaire,
Misère est mon trousseau,
C’est la faute à Rousseau.
Gefesselt sah man auf dieses gruselige Schauspiel.
Jeden Schuss beantworte Gavroche mit einer Strophe.
Es schien ihm Freude zu machen die Soldaten zu foppen.
Er hüpfte zwischen den Kugeln hin und her
und drehte eine lange Nase in Richtung der Schützen.
Ein finsterer Spass lag in der Luft.
Die Nationalgardisten fingen an zu lachen.
Gavroche spielte verstecken mit dem Tod
und sammelte weiter Patronen.
Die Aufständischen auf der anderen Seite hielten ihren Atem an
und sahen wie wie ein kleiner zarter Junge
die Barrikade zum Zittern brachte.
Die Kugel traf ihn.
Das Kind taumelte. Gavroche fiel auf das Pflaster.
Doch er war nur gefallen um sich noch einmal aufzurichten.
Halb stehend rief er in die Richtung, aus der die Schüsse kamen:
Je suis tombé par terre,
C’est la faute à Voltaire,
Le nez dans le ruisseau,
C’est la faute à…
Die zweite Kugel vom gleichen Schützen hatte ihn getroffen.
Das blutende Gesicht viel auf das Pflaster.
Die Straße verstummte.
Seine mutige Seele hatte den kleinen Körper verlassen.
Merci beaucoup Jerémie Paul! - er las den Originaltext von Gavroche.
Übersetzung: frei übersetzt von Ulrike und Elisa Theusner
Musik: Ulrike Theusner
Schnitt: Elisa Theusner
(37) Gustav Schwab "Jasons Ende"(Mon, 23 Jun 2008 14:24:10 +0200) Sagen des klassischen Altertums
II. Buch. Die Argonautensage
Iason gelangte nicht zu dem Thron von Iolkos,
um dessentwillen er die gefahrvolle Fahrt bestanden,
Medea ihrem Vater geraubt und an ihrem Bruder Absyrtos
einen schändlichen Mord begangen hatte.
Er mußte das Königreich dem Sohn des Pelias, Akastos, überlassen
und sich mit seiner jungen Gemahlin nach Korinth flüchten.
Hier lebte er zehn Jahre mit ihr, und sie gebar ihm zwei Söhne,
Memeros und Pheros mit Namen.
Während jener Zeit war Medea nicht nur um ihrer Schönheit willen,
sondern auch wegen ihres edlen Sinnes
und ihrer übrigen Vorzüge von ihrem Gatten geliebt und geehrt.
Als aber später die Zeit die Reize ihrer Gestalt allmählich vertilgte,
wurde Iason von der Schönheit eines jungen Mädchens,
der Tochter des Korintherkönigs Kreon,
mit Namen Glauke, entzündet und betört.
Ohne daß seine Gattin darum wußte, warb er um die Jungfrau,
und erst nachdem der Vater eingewilligt und den Tag der Hochzeit bestimmt hatte, suchte er seine Gemahlin zu bewegen,
daß sie freiwillig auf die Ehe verzichten sollte.
Medea war entrüstet über diesen Antrag und rief zürnend die Götter an,
als Zeugen seiner Schwüre.
Iason achtete desen nicht und vermählte sich mit der Königstochter.
Verzweifelnd irrte Medea im Palast ihres Gatten umher.
»Wehe mir«, rief sie, »möchte die Flamme des Himmels auf meinem Haupt herniederzücken! Was soll ich länger leben?
Möchte der Tod sich meiner erbarmen!
O Vater, o Vaterstadt, die ich schimpflich verlassen habe!
O Bruder, den ich gemordet und dessen Blut jetzt über mich kommt!
Aber nicht an meinem Gatten Iason war es, mich zu strafen;
für ihn habe ich gesündigt! Göttin der Gerechtigkeit,
mögest du ihn und sein junges Weib verderben!«
Noch jammerte sie so, als Kreon, Iasons neuer Schwiegervater,
im Palast ihr begegnete.
»Du finster Blickende, auf deinen Gemahl Ergrimmte«,
redete er sie an, »nimm deine Söhne an der Hand
und verlaße mein Land auf der Stelle;
ich werde nicht nach Hause kehren,
ehe ich dich über meine Grenzen gejagt.«
Medea, ihren Zorn unterdrückend, sprach mit gefaßter Stimme:
»Warum fürchtest du ein Übel von mir, Kreon?
Was hast du mir Böses getan, was wärest du mir schuldig?
Nur meinen Gatten hasse ich, der mir alles schuldig ist.
Doch es ist geschehen; mögen sie als Gatten leben.
Mich aber laßt in diesem Lande wohnen; denn obgleich ich tief gekränkt bin,
so will ich doch schweigen und den Mächtigeren mich unterwerfen.«
Aber Kreon sah ihr die Wut in den Augen an, er traute ihr nicht,
obgleich sie seine Kniee umschlang und ihn bei dem Namen der eigenen,
ihr so verhaßten Tochter Glauke beschwor. »Geh«, erwiderte er,
»und befreie mich von Sorgen!«
Da bat sie nur um einen einzigen Tag Aufschub,
um einen Weg zur Flucht und ein Asyl für ihre Kinder wählen zu können.
»Meine Seele ist nicht tyrannisch«, sprach nun der König;
»schon viel törichte Nachgiebigkeit habe ich aus falscher Scheu geübt.
Auch jetzt fühle ich, daß ich nicht weise handle;
dennoch sei es dir gestattet, Weib.«
Als Medea die gewünschte Frist erhalten hatte,
bemächtigte sich ihrer der Wahnsinn,
und sie schritt zur Vollführung einer Tat,
die ihr wohl bisher dunkel im Geist vorgeschwebt,
an deren Möglichkeit sie aber selbst nicht geglaubt hatte.
Dennoch machte sie vorher einen letzten Versuch,
ihren Gatten von seinem Unrecht und seinem Frevel zu überzeugen.
Sie trat vor ihn und sprach zu ihm:
»O du schlimmster aller Männer, du hast mich verraten,
bist einen neuen Ehebund eingegangen,
während du doch Kinder hast.
Wärest du kinderlos, so wollte ich dir verzeihen;
du hättest eine Ausrede. So bist du unentschuldbar;
Meinst du, die Götter, die damals herrschten, als du mir Treue versprachst, regieren nicht mehr, oder es seien den Menschen neue Gesetze für ihre Handlungen gegeben worden,
daß du glaubst, meineidig werden zu dürfen?
Sage mir, ich will dich fragen, als wenn du mein Freund wärest:
wohin rätst du mir zu gehen?
Schickst du mich zurück in meines Vaters Haus,
den ich verraten, dem ich den Sohn getötet habe, dir zulieb?
Oder welche andere Zuflucht weißt du für mich?
Fürwahr, es wird ein herrlicher Ruhm für dich, den Neuvermählten, sein,
wenn deine erste Gemahlin mit deinen eigenen Söhnen in der Welt betteln geht!«
Doch Iason war verhärtet.
Er versprach ihr, sie und die Kinder,
mit reichlich Geld und Briefen an seine Gastfreunde versehen, zu entlassen.
Sie aber verschmähte alles: »Geh, vermähle dich«,
sprach sie; »du wirst eine Hochzeit feiern, die dich schmerzen wird!«
Als sie ihren Gemahl verlassen hatte, reuten sie die letzten Worte wieder,
nicht, weil sie anderen Sinnes geworden war, sondern weil sie fürchtete,
er möchte ihre Schritte beobachten
und sie an der Ausübung ihres Frevels verhindern.
Sie ließ daher um eine zweite Unterredung mit ihm bitten
und sprach zu ihm mit veränderter Miene:
»Iason, verzeih mir, was ich gesprochen; der blinde Zorn hat mich verführt,
ich sehe jetzt ein, daß alles, was du getan hast,
zu unserm eigenen Besten gereichen soll.
Arm und verbannt sind wir hierhergekommen;
du willst durch deine neue Heirat für dich, für deine Kinder,
zuletzt auch für mich selbst sorgen.
Wenn sie eine Weile fern gewesen sind, wirst du deine Söhne zurückrufen,
wirst sie teilnehmen lassen am Glück der Geschwister,
die sie erhalten sollen.
Kommt herbei, kommt herbei, Kinder, umarmt euren Vater,
versöhnt euch mit ihm, wie ich mich mit ihm versöhnt habe!«
Iason glaubte an diese Sinnesänderung und war hocherfreut darüber,
er versprach ihr und den Kindern das Beste;
und Medea fing an, ihn noch sicherer zu machen.
Sie bat ihn, die Kinder bei sich zu behalten und sie alleine ziehen zu lassen.
Damit die neue Gattin und ihr Vater dieses dulde,
ließ sie aus ihrer Vorratskammer köstliche goldene Gewänder holen
und reichte sie dem Iason als Brautgeschenk für die Königstochter.
Nach einigem Bedenken ließ dieser sich überreden,
und ein Diener ward abgesandt, die Gaben der Braut zu bringen.
Aber diese köstlichen Kleider waren mit Zauberkraft getränkte giftige Gewänder, und als Medea heuchlerischen Abschied von ihrem Gatten genommen hatte, harrte sie von Stunde zu Stunde, der Nachricht vom Empfang ihrer Geschenke
die ein vertrauter Bote ihr bringen sollte.
Dieser kam endlich und rief ihr entgegen: »Steig in dein Schiff, Medea, fliehe! fliehe!
Deine Feindin und ihr Vater sind tot.
Als deine Söhne mit ihrem Vater das Haus der Braut betraten,
freuten wir Diener uns alle, daß die Zwietracht verschwunden
und die Versöhnung vollkommen sei.
Die junge Königin empfing deinen Gatten mit heiterem Blick;
als sie aber die Kinder sah, bedeckte sie ihre Augen,
wandte das Antlitz ab und verabscheute ihre Gegenwart.
Doch Iason besänftigte ihren Zorn,
sprach ein gutes Wort für dich und breitete die Geschenke vor ihr aus.
Als sie die herrlichen Gewande sah, wurde ihr das Herz von der Pracht gereizt,
es wandte sich, und sie versprach ihrem Bräutigam, in alles zu willigen.
Als dein Gemahl mit den Söhnen sie verlassen hatte,
griff sie mit Begierde nach dem Schmuck,
legte den Goldmantel um, setzte den goldenen Kranz sich ins Haar
und betrachtete sich vergnügt in einem hellen Spiegel.
Dann durchwandelte sie die Gemächer
und freute sich wie ein kindisches Mädchen ihrer Herrlichkeit.
Bald aber wechselte das Schauspiel.
Mit verwandelter Farbe, an allen Gliedern zitternd,
wankte sie rückwärts, und bevor sie ihren Sitz erreicht hatte,
stürzte sie auf den Boden nieder, erbleichte,
begann die Augensterne zu verdrehen, und Schaum trat ihr vor den Mund.
Wehklagen ertönte in dem Palaste, die einen Diener eilten zu ihrem Vater,
die andern zu ihrem künftigen Gatten.
Inzwischen flammte der verzauberte Kranz auf ihrem Haupte in Feuer auf;
Gift und Flamme zehrten an ihr um die Wette;
und als ihr Vater jammernd herbeigestürzt kam,
fand er nur noch den entstellten Leichnam der Tochter.
Er warf sich in Verzweiflung auf sie;
vom Gifte des mörderischen Gewandes ergriffen,
hat auch er sein Leben geendet.«
Die Erzählung dieser Greuel, statt die Wut Medeas zu dämpfen,
entflammte sie vielmehr; und ganz zur Erinye Rachsucht geworden,
rannte sie fort, ihrem Gatten und sich selbst den tödlichsten Schlag zu versetzen.
Sie eilte zur Kammer, wo ihre Söhne schliefen;
denn die Nacht war herbeigekommen.
»Waffne dich, mein Herz«, sprach sie unterwegs zu sich selber,
»was zögerst du, das Gräßliche und Notwendige zu vollbringen?
Vergiß, Unglückliche, daß es deine Kinder sind, daß du sie geboren hast.
Nur diese eine Stunde vergiß es! Nachher beweine sie dein ganzes Leben lang.
Du tust ihnen selbst einen Dienst.
Tötest du sie nicht, so sterben sie von einer feindseligen Hand.«
Als Iason in sein Haus geflogen kam,
die Mörderin seiner jungen Braut aufsuchend und sie seiner Rache zu opfern,
scholl ihm das Jammergeschrei seiner Kinder entgegen,
die unter dem Mordstahl bluteten;
er trat in die aufgestoßene Kammer
und fand seine Söhne wie Schuldopfer hingewürgt.
Als er in Verzweiflung sein Haus verließ,
hörte er in der Luft ein Geräusch über seinem Haupt.
Emporschauend ward er hier die fürchterliche Mörderin gewahr,
wie sie auf einem mit Drachen bespannten Wagen,
den ihre Kunst herbeigezaubert hatte,
durch die Lüfte davonfuhr und den Schauplatz ihrer Rache verließ.
Iason hatte die Hoffnung verloren, sie je für ihren Frevel zu strafen;
die Verzweiflung kam über ihn,
er stürzte sich in sein Schwert und fiel auf der Schwelle seines Hauses.
Bild: wikipedia - Medea - Wandmalerei um 70-79 (Neapel)
Töne und Geräusche: Elisa Theusner
-------------------------------------------------------------------------------------
Gustav Schwab "Die schönsten Sagen des klassischen Altertums"versandkostenfrei bei Buch24.de-------------------------------------------------------------------------------------
(36) Giovanni Boccaccio "Die Urform der Ringparabel"(Sun, 27 Apr 2008 22:32:19 +0200) Daß Klugheit uns retten kann,
will ich euch in einer kurzen Erzählung zeigen.
Saladin, dessen Tapferkeit so groß war,
daß sie ihn nicht nur aus einem unbedeutenden Manne
zum Sultan von Babylon machte,
sondern ihm auch zu zahlreichen Siegen
über sarazenische und christliche Könige verhalf,
hatte in verschiedenen Kriegen
und infolge seiner Prunksucht seinen ganzen Schatz verschwendet;
da er nun aber aus irgendeinem Anlaß eine große Summe Geldes brauchte
und gar nicht wußte, wo er sie in der Eile hernehmen sollte,
fiel ihm ein reicher Jude namens Melchisedek ein,
ein Geldverleiher in Alessandrien, der ihm wohl helfen konnte,
wenn er wollte;
doch war der so geizig,
daß er aus freien Stücken es wohl nicht tun würde,
und Gewalt wollte er nicht gern anwenden.
Da jedoch die Not ihn drängte, bemühte er sich,
ein Mittel zu finden, um den Juden gefügig zu machen
und kam auf den Einfall,
ihn doch unter irgendeinem Vorwande zu zwingen.
Er ließ ihn also zu sich rufen,
begrüßte ihn sehr freundschaftlich,
nötigte ihn zum Sitzen und sagte:
"Guter Freund, ich habe von vielen Leuten gehört,
daß du ein sehr kluger Mann bist
und in göttlichen Dingen einen sehr großen Scharfsinn besitzt.
Deshalb möchte ich gern von dir wissen,
welche von den drei Religionen du für die wahre hältst;
die jüdische, die sarazenische oder die christliche?"
Der Jude, der ein wirklich kluger Mann war, erriet sofort,
daß Saladin nur darauf ausging, ihn in seinen Worten zu fangen,
um irgendeinen Streit mit ihm heraufzubeschwören, und erkannte,
daß er keine der drei Religionen mehr loben dürfte als die beiden anderen,
damit Saladin seine Absicht nicht erreiche.
Da er nun eine Antwort finden mußte, die ihm keine Schlinge legte,
bot er seinen Scharfsinn auf und sagte:
"Herr, Eure Frage ist trefflich, aber wenn ich Euch sagen soll,
wie ich über diese Dinge denke, muß ich Euch eine Geschichte erzählen.
Oftmals habe ich, wenn ich nicht irre,
von einem vornehmen, reichen Manne gehört,
der unter anderen Kleinodien in seinem Schatz
auch einen sehr schönen und wertvollen Ring besaß,
den er wegen seiner Kostbarkeit und Schönheit gern in Ehren halten
und auf ewig im Besitze seiner Nachkommen wissen wollte;
deshalb ordnete er an, daß derjenige unter seinen Söhnen,
dem er diesen Ring hinterlassen würde, gleichzeitig auch sein Erbe
und von den andern als der erste geehrt und geachtet werden sollte.
Sein Sohn, dem dieser Ring zufiel, machte es bei seinem Tode ebenso,
und so ging dieser Ring von Hand zu Hand, viele Generationen hindurch.
Schließlich aber kam er in die Hand eines Mannes,
der drei schöne, tugendhafte und gehorsame Söhne hatte,
die er alle drei gleich liebte.
Und jeder der Jünglinge bat,
da er die Wirkungen des Ringes kannte und danach trachtete,
den Vorrang zu bekommen, den Vater, der schon alt war,
bei seinem Tode ihm den Ring zu hinterlassen.
Der wackere Mann, der sie alle drei in gleichem Maße liebte
und selber nicht wußte, wen er zu seinem Erben machen sollte,
sann darauf, alle drei zufriedenzustellen,
da er einem jeden den Ring versprochen hatte.
Er ließ deshalb von einem geschickten Meister zwei andere Ringe machen,
die dem ersten so ähnlich waren,
daß der Besitzer des Ringes kaum den echten herausfinden konnte.
Als er seinen Tod nahen fühlte,
gab er jedem seiner Söhne heimlich einen Ring.
Nachdem nun der Vater gestorben war,
machten alle drei Anspruch auf das Erbe
und den Vorrang und legten zum Zeichen ihrer Berechtigung den Ring vor.
Da aber sah man, daß die Ringe einander so ähnlich waren,
daß man den echten nicht mehr herausfinden konnte:
daher blieb die Frage, wer der wahre Erbe des Vaters sei,
unentschieden und ist noch heute ungelöst.
Und das gleiche erwidere ich auch, gnädiger Herr,
auf die Frage nach den drei Religionen,
die von Gott dem Vater den drei Völkern gegeben sind.
Jeder glaubt die Erbschaft des Vaters
und die wahren Gebote in seinem Besitz zu haben,
wer sie aber in Wahrheit sein eigen nennt,
ist, wie bei den Ringen, noch unentschieden."
Saladin erkannte, wie geschickt der Jude der Schlinge ausgewichen war,
die er ihm hatte legen wollen.
Er beschloß deshalb, ihm sein Anliegen offen vorzutragen
und ihn zu fragen, ob er ihm dienlich sein wolle.
Zugleich aber erzählte er ihm, was ihm widerfahren wäre,
wenn er eine weniger kiuge Antwort gegeben hätte.
Der Jude stellte ihm freiwillig jede gewünschte Summe zur Verfügung,
und Saladin zahlte ihm später alles zurück.
Außerdem aber machte er ihm große Geschenke,
erhob ihn zu hohen Ehren und blieb sein Freund, solange er lebte.
Saladin - wikipedia
Übersetzer: Christian Friedrich Voß
Sprecher: Elisa Theusner
Musik: Ulrike Theusner
(35) Wilhelm Busch "Die Selbstkritik"(Wed, 13 Feb 2008 23:25:59 +0100) Die Selbstkritik hat viel für sich.
Gesetzt den Fall, ich tadle mich:
So hab ich erstens den Gewinn,
Dass ich so hübsch bescheiden bin;
Zum zweiten denken sich die Leut,
Der Mann ist lauter Redlichkeit;
Auch schnapp ich drittens diesen Bissen
Vorweg den andern Kritiküssen;
Und viertens hoff ich außerdem
Auf Widerspruch, der mir genehm.
So kommt es denn zuletzt heraus,
Dass ich ein ganz famoses Haus.
Bild: Wilhelm Busch, 1860 von wikipedia.org
Sound: Elisa Theusner
(34) Wilhelm Busch "Früher, da ich unerfahren"(Wed, 13 Feb 2008 23:19:40 +0100) Früher, da ich unerfahren
Und bescheidner war als heute,
Hatten meine höchste Achtung
Andre Leute.
Später traf ich auf der Weide
Außer mir noch mehr Kälber,
Und nun schätz ich, sozusagen,
Erst mich selber.
Bild: Wilhelm Busch - wikipedia.org
Sound: Elisa Theusner
(33) Wilhelm Busch "Halt dein Rößlein nur im Zügel"(Wed, 13 Feb 2008 23:17:11 +0100) Halt dein Rößlein nur im Zügel,
kommst ja doch nicht allzuweit.
Hinter jedem neuen Hügel
dehnt sich die Unendlichkeit.
Nenne niemand dumm und säumig,
der das Nächste recht bedenkt.
Ach, die Welt ist so geräumig,
und der Kopf ist so beschränkt.
Bild: von Wilhelm Busch - wikipedia.org
Sound: Elisa Theusner
(32) Rainer Maria Rilke "La Panthère/ Der Panther"(Sun, 06 Jan 2008 23:24:51 +0100) Jardin des Plantes, Paris
Son regard du retour éternel des barreaux
s’est tellement lassé qu’il ne saisit plus rien.
Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, daß er nichts mehr hält.
Il ne lui semble voir que barreaux par milliers
et derrière mille barreaux, plus de monde.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.
La molle marche des pas flexibles et forts
qui tourne dans le cercle le plus exigu
paraît une danse de force autour d’un centre
où dort dans la torpeur un immense vouloir.
Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.
Quelquefois seulement le rideau des pupilles
sans bruit se lève. Alors une image y pénètre,
court à travers le silence tendu des membres -
Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf - . Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille -
et dans le cur s’interrompt d’être.
und hört im Herzen auf zu sein.
Vielen Dank an:
französischer Sprecher: Jérémie Paul
Klavier: Ulrike Theusner
Traduction: Claude Vigée
-------------------------------------------
Rilke für Gestreßteversandkostenfrei bei Buch24.de-------------------------------------------
(31) Wilhelm Busch "Es sitzt ein Vogel"(Sun, 02 Dec 2007 21:47:58 +0100) Es sitzt ein Vogel auf dem Leim,
Er flattert sehr und kann nicht heim.
Ein schwarzer Kater schleicht herzu,
Die Krallen scharf, die Augen gluh.
Am Baum hinauf und immer höher
Kommt er dem armen Vogel näher.
Der Vogel denkt: Weil das so ist
Und weil mich doch der Kater frisst,
So will ich keine Zeit verlieren,
Will noch ein wenig quinquilieren
Und lustig pfeifen wie zuvor.
Der Vogel, scheint mir, hat Humor.
Bild von Wilhelm Busch - Wikipedia
Musik: Ulrike und Elisa Theusner
(30) mittelhochdeutsches Gedicht "Dû bist mîn"(Sun, 02 Dec 2007 21:44:24 +0100) Dû bist mîn, ich bin dîn:
des solt dû gewis sîn;
dû bist beslozzen in mînem herzen,
verlorn ist daz slüzzelîn:
dû muost och immer darinne sîn.
Musik: Elisa und Ulrike Theusner
Bild(wikimedia): Antoine Watteau
(29) Hugo Ball "1. Dada-Abend"(Sun, 02 Dec 2007 21:38:03 +0100) Eröffnungs-Manifest
Zürich, 14. Juli 1916
].]]]..].]]]..]].].]]]..]].]].
Dada ist eine neue Kunstrichtung.
Das kann man daran erkennen,
daß bisher niemand etwas davon wußte
und morgen ganz Zürich davon reden wird.
Dada stammt aus dem Lexikon.
Es ist furchtbar einfach.
Im Französischen bedeutet's Steckenpferd.
Im Deutschen heißt's Addio,
steigts mir den Rücken runter.
Auf Wiedersehen ein andermal!
Im Rumänischen: »Ja wahrhaftig,
Sie haben recht, so ist's.
Jawohl, wirklich, machen wir.« Und so weiter.
Ein internationales Wort.
Nur ein Wort und das Wort als Bewegung.
Sehr leicht zu verstehen.
Es ist ganz furchtbar einfach.
Wenn man eine Kunstrichtung daraus macht,
muß das bedeuten, man will Komplikationen wegnehmen.
Dada Psychologie, Dada Deutschland
samt Indigestionen und Nebelkrämpfen,
Dada Literatur, Dada Bourgeoisie,
und ihr, verehrteste Dichter,
die ihr immer mit Worten,
aber nie das Wort selber gedichtet habt,
die ihr um den nackten Punkt herumdichtet.
Dada Weltkrieg und kein Ende,
Dada Revolution und kein Anfang,
Dada ihr Freunde und Auchdichter,
allerwerteste, Manufakturisten und Evangelisten
Dada Tzara, Dada Huelsenbeck,
Dada m'dada, Dada m'dada Dada mhm,
dada dera dada Dada Hue, Dada Tza.
].]]]..]].]].]]]..]].]]..]].].
Wie erlangt man die ewige Seligkeit?
Indem man Dada sagt.
Wie wird man berühmt?
Indem man Dada sagt.
Mit edlem Gestus und mit feinem Anstand.
Bis zum Irrsinn. Bis zur Bewußtlosigkeit.
Wie kann man alles Journalige, Aalige,
alles Nette und Adrette, Bornierte,
Vermoralisierte,
Europäisierte*//.Enervierte,*//.abtun?
Indem man Dada sagt.
Dada ist die Weltseele, Dada ist der Clou.
Dada ist die beste Lilienmilchseife der Welt.
Dada Herr Rubiner, Dada Herr Krokodi.
Dada Herr Anastasius Lilienstein.
].]]]].]]].].]]]..]]..]]...]].
Das heißt auf Deutsch:
Die Gastfreundschaft der Schweiz ist über alles zu schätzen.
Und im Ästhetischen kommt es auf die Qualität an.
].]]]..].]]]..].]]]..]].]].]].
Ich lese Verse, die nichts weniger vorhaben als:
auf die konventionelle Sprache zu verzichten,
ad acta zu legen.
Dada Johann Fuchsgang Goethe. Dada Stendhal.
Dada Dalai Lama, Buddha, Bibel und Nietzsche.
Dada m'dada. Dada mhm dada da.
Auf die Verbindung kommt es an,
und daß sie vorher ein bißchen unterbrochen wird.
Ich will keine Worte, die andere erfunden haben.
Alle Worte haben andre erfunden.
Ich will meinen eigenen Unfug,
meinen eigenen Rhythmus und Vokale und Konsonanten dazu,
die ihm entsprechen, die von mir selbst sind.
Wenn diese Schwingung sieben Ellen lang ist,
will ich füglich Worte dazu, die sieben Ellen lang sind.
Die Worte des Herrn Schulze haben nur zweieinhalb Zentimeter.
].]]]..]].]]].]]]..]].]..]].].
Da kann man nun so recht sehen,
wie die artikulierte Sprache entsteht.
Ich lasse die Vokale kobolzen.
Ich lasse die Laute ganz einfach fallen,
etwa wie eine Katze miaut...
Worte tauchen auf, Schultern von Worten,
Beine, Arme, Hände von Worten.
Au, oi, uh.
Man soll nicht zu viel Worte aufkommen lassen.
Ein Vers ist die Gelegenheit, allen Schmutz abzutun.
Ich wollte die Sprache hier selber fallen lassen.
Diese vermaledeite Sprache, an der Schmutz klebt,
wie von Maklerhänden, die die Münzen abgegriffen haben.
Das Wort will ich haben,
wo es aufhört und wo es anfängt.
Dada ist das Herz der Worte.
].]]]].]]]..]].]]]..]].]...]].
Jede Sache hat ihr Wort,
aber das Wort ist eine Sache für sich geworden.
Warum soll ich es nicht finden?
Warum kann der Baum nicht »Pluplusch« heißen?
und »Pluplubasch«, wenn es geregnet hat?
Das Wort, das Wort, das Wort
außerhalb eurer Sphäre*eurer Stickluft,
dieser lächerlichen Impotenz,
eurer stupenden Selbstzufriedenheit,
außerhalb dieser Nachrednerschaft,
eurer offensichtlichen Beschränktheit.
Das Wort, meine Herren,
das Wort ist eine öffentliche Angelegenheit ersten Ranges.
].]]].].]]]..]]..]]].]]]..]]..
Bild: wikipedia.org
Klänge: Elisa Theusner
(28) Rosa Luxemburg "Briefe aus dem Gefängnis"(Mon, 22 Oct 2007 01:36:52 +0200) An Sonia Liebknecht
Breslau, Mitte Dezember 1917
...
Ach, Sonitschka, ich habe hier einen scharfen Schmerz erlebt,
auf dem Hof, wo ich spaziere, kommen oft Wagen vom Militär,
voll bepackt mit Säcken oder alten Soldatenröcken und Hemden,
oft mit Blutflecken ...,
die werden hier abgeladen, in die Zellen verteilt, geflickt,
dann wieder aufgeladen und ans Militär abgeliefert.
Neulich kam so ein Wagen, bespannt, statt mit Pferden, mit Büffeln.
Ich sah die Tiere zum erstenmal in der Nähe.
Sie sind kräftiger und breiter gebaut als unsere Rinder,
mit flachen Köpfen und flach abgebogenen Hörnern,
die Schädel also unseren Schafen ähnlicher,
ganz schwarz mit großen sanften Augen.
Sie stammen aus Rumänien, sind Kriegstrophäen ...
die Soldaten, die den Wagen führen,
erzählen, daß es sehr mühsam war,
diese wilden Tiere zu fangen, und noch schwerer,
sie, die an die Freiheit gewöhnt waren,
zum Lastdienst zu benutzen.
Sie wurden furchtbar geprügelt,
bis daß für sie das Wort gilt "vae victis"*.
... An hundert Stück der Tiere sollen in Breslau allein sein;
dazu bekommen sie,
die an üppige rumänische Weide gewöhnt waren,
elendes und karges Futter.
Sie werden schonungslos ausgenutzt,
um alle möglichen Lastwagen zu schleppen,
und gehen dabei rasch zugrunde.
– Vor einigen Tagen kam also ein Wagen mit Säcken hereingefahren,
die Last war so hoch aufgetürmt,
daß die Büffel nicht über die Schwelle bei der Toreinfahrt konnten.
Der begleitende Soldat, ein brutaler Kerl, fing an,
derart auf die Tiere
mit dem dicken Ende des Peitschenstieles loszuschlagen,
daß die Aufseherin ihn empört zur Rede stellte,
ob er denn kein Mitleid mit den Tieren hätte!
„Mit uns Menschen hat auch niemand Mitleid“,
antwortete er mit bösen Lächeln und hieb noch kräftiger ein .
.. Die Tiere zogen schließ an und kamen über den Berg,
aber eins blutete ...
Sonitschka,
die Büffelhaut ist sprichwörtlich an Dicke und Zähigkeit,
und die war zerrissen.
Die Tiere standen dann beim Abladen ganz still, erschöpft,
und eins, das, welches blutete,
schaute dabei vor sich hin
mit einem Ausdruck in dem schwarzen Gesicht
und den sanften Augen wie ein verweintes Kind.
Es war direkt der Ausdruck eines Kindes,
das hart bestraft worden ist
und nicht weiß, wofür, weshalb, nicht weiß, wie es der Qual
und der rohen Gewalt entgehen soll
... ich stand davor, und das Tier blickte mich an,
mir rannten die Tränen herunter
– es waren seine Tränen,
man kann um den liebsten Bruder nicht schmerzlicher zucken,
als ich in meiner Ohnmacht um dieses stille Leid zuckte.
Wie weit, wie unerreichbar,
verloren die freien saftigen grünen Weiden Rumäniens!
Wie anders schien dort die Sonne, blies der Wind,
wie anders waren die schönen Laute der Vögel
oder das melodische Rufen der Hirten.
Und hier - diese fremde schaurige Stadt, der dumpfe Stall,
das ekelerregende muffige Heu mit faulem Stroh gemischt,
die fremden furchtbaren Menschen,
und - die Schläge, das Blut,
das aus der frischen Wunde rinnt ...
Oh, mein armer Büffel, mein armer, geliebter Bruder,
wir stehen hier beide so ohnmächtig und stumpf
und sind nur eins in Schmerz, in Ohnmacht, in Sehnsucht. –
*"vae victis!“ (dt. „Wehe den Besiegten!“)
in Andenken an Rosa Luxemburg
(geboren 1871 - hingerichtet 1919)
"Freiheit ist immer Freiheit des Andersdenkenden"
Klavier: Elisa Theusner
(27) Johann Wolfgang von Goethe "Willkommen und Abschied"(Sat, 25 Aug 2007 21:47:35 +0200) Es schlug mein Herz, geschwind zu Pferde!
Es war getan fast eh gedacht.
Der Abend wiegte schon die Erde,
Und an den Bergen hing die Nacht;
Schon stand im Nebelkleid die Eiche,
Ein aufgetürmter Riese, da,
Wo Finsternis aus dem Gesträuche
Mit hundert schwarzen Augen sah.
Der Mond von einem Wolkenhügel
Sah kläglich aus dem Duft hervor,
Die Winde schwangen leise Flügel,
Umsausten schauerlich mein Ohr;
Die Nacht schuf tausend Ungeheuer,
Doch frisch und fröhlich war mein Mut:
In meinen Adern welches Feuer!
In meinem Herzen welche Glut!
Dich sah ich, und die milde Freude
Floß von dem süßen Blick auf mich;
Ganz war mein Herz an deiner Seite
Und jeder Atemzug für dich.
Ein rosenfarbnes Frühlingswetter
Umgab das liebliche Gesicht,
Und Zärtlichkeit für mich ? ihr Götter!
Ich hofft es, ich verdient es nicht!
Doch ach, schon mit der Morgensonne
Verengt der Abschied mir das Herz:
In deinen Küssen welche Wonne!
In deinem Auge welcher Schmerz!
Ich ging, du standst und sahst zur Erden,
Und sahst mir nach mit nassem Blick:
Und doch, welch Glück, geliebt zu werden!
Und lieben, Götter, welch ein Glück!
Klavier: Ulrike Theusner
function fbs_click() {u=location.href;t=document.title;window.open('http://www.facebook.com/sharer.php?u='+encodeURIComponent(u)+'&t='+encodeURIComponent(t),'sharer','toolbar=0,status=0,width=626,height=436');return false;} html .fb_share_link { padding:2px 0 0 20px; height:16px; background:url(http://b.static.ak.fbcdn.net/images/share/facebook_share_icon.gif?8:26981) no-repeat top left; }Auf Facebook teilen
(26) Friedrich Nietzsche - Die fröhliche Wissenschaft "268-275"(Thu, 28 Jun 2007 19:12:29 +0200) - 268 -
Was macht heroisch?
Zugleich seinem höchsten Leide
und seiner höchsten Hoffnung entgegengehen.
- 269 -
Woran glaubst du?
Daran:
dass die Gewichte aller Dinge
neu bestimmt werden müssen.
- 270 -
Was sagt dein Gewissen?
"Du sollst der werden, der du bist".
- 271 -
Wo liegen deine größten Gefahren?
Im Mitleiden.
- 272 -
Was liebst du an Anderen?
Meine Hoffnungen.
- 273 -
Was nennst du schlecht?
Den, der immer beschämen will.
- 274 -
Was ist dir das Menschlichste?
Jemandem Scham ersparen.
- 275 -
Was ist das Siegel der erreichten Freiheit?
Sich nicht mehr vor sich selber schämen.
soundesign: Elisa Theusner
(25) Friedrich Schiller "Die Bürgschaft"(Thu, 03 May 2007 22:15:16 +0200) Zu Dionys, dem Tyrannen, schlich
Damon, den Dolch im Gewande;
Ihn schlugen die Häscher in Bande.
»Was wolltest du mit dem Dolche, sprich!«
Entgegnet ihm finster der Wüterich.
»Die Stadt vom Tyrannen befreien!«
»Das sollst du am Kreuze bereuen.«
»Ich bin«, spricht jener, »zu sterben bereit
Und bitte nicht um mein Leben;
Doch willst du Gnade mir geben,
Ich flehe dich um drei Tage Zeit,
Bis ich die Schwester dem Gatten gefreit;
Ich lasse den Freund dir als Bürgen,
Ihn magst du, entrinn' ich, erwürgen.«
Da lächelt der König mit arger List
Und spricht nach kurzem Bedenken:
»Drei Tage will ich dir schenken.
Doch wisse! wenn sie verstrichen, die Frist,
Eh du zurück mir gegeben bist,
So muß er statt deiner erblassen,
Doch dir ist die Strafe erlassen.«
Und er kommt zum Freunde: »Der König gebeut,
Daß ich am Kreuz mit dem Leben
Bezahle das frevelnde Streben;
Doch will er mir gönnen drei Tage Zeit,
Bis ich die Schwester dem Gatten gefreit.
So bleib du dem König zum Pfande,
Bis ich komme, zu lösen die Bande.«
Und schweigend umarmt ihn der treue Freund
Und liefert sich aus dem Tyrannen;
Der andere ziehet von dannen.
Und ehe das dritte Morgenrot scheint,
Hat er schnell mit dem Gatten die Schwester vereint,
Eilt heim mit sorgender Seele,
Damit er die Frist nicht verfehle.
Da gießt unendlicher Regen herab,
Von den Bergen stürzen die Quellen;
Und die Bäche, die Ströme schwellen.
Und er kommt ans Ufer mit wanderndem Stab,
Da reißet die Brücke der Strudel hinab,
Und donnernd sprengen die Wogen
Dem Gewölbes krachenden Bogen.
Und trostlos irrt er an Ufers Rand:
Wie weit er auch spähet und blicket
Und die Stimme, die rufende, schicket.
Da stößet kein Nachen vom sichern Strand,
Der ihn setze an das gewünschte Land,
Kein Schiffer lenket die Fähre,
Und der wilde Strom wird zum Meere.
Da sinkt er ans Ufer und weint und fleht,
Die Hände zum Zeus erhoben:
»O hemme des Stromes Toben!
Es eilen die Stunden, im Mittag steht
Die Sonne, und wenn sie niedergeht
Und ich kann die Stadt nicht erreichen,
So muß der Freund mir erbleichen.«
Doch wachsend erneut sich des Stromes Wut,
Und Welle auf Welle zerrinnet,
Und Stunde an Stunde ertrinnet.
Da treibt ihn die Angst, da faßt er sich Mut
Und wirft sich hinein in die brausende Flut
Und teilt mit gewaltigen Armen
Den Strom, und ein Gott hat Erbarmen.
Und gewinnt das Ufer und eilet fort
Und danket dem rettenden Gotte;
Da stürzet die raubende Rotte
Hervor aus des Waldes nächtlichem Ort,
Den Pfad ihm sperrend, und schnaubert Mord
Und hemmet des Wanderers Eile
Mit drohend geschwungener Keule.
»Was wollt ihr?« ruft er, vor Schrecken bleich,
»Ich habe nichts als mein Leben,
Das muß ich dem Könige geben!«
Und entreißt die Keule dem nächsten gleich:
»Um des Freundes willen erbarmet euch!«
Und drei mit gewaltigen Streichen,
Erlegt er, die andern entweichen.
Und die Sonne versendet glühenden Brand,
Und von der unendlichen Mühe
Ermattet sinken die Knie:
»O hast du mich gnädig aus Räubershand,
Aus dem Strom mich gerettet ans heilige Land,
Und soll hier verschmachtend verderben,
Und der Freund mir, der liebende, sterben!«
Und horch! da sprudelt es silberhell,
Ganz nahe, wie rieselndes Rauschen,
Und stille hält er, zu lauschen;
Und sieh, aus dem Felsen, geschwätzig, schnell,
Springt murmelnd hervor ein lebendiger Quell,
Und freudig bückt er sich nieder
Und erfrischet die brennenden Glieder.
Und die Sonne blickt durch der Zweige Grün
Und malt auf den glänzenden Matten
Der Bäume gigantische Schatten;
Und zwei Wanderer sieht er die Straße ziehn,
Will eilenden Laufes vorüberfliehn,
Da hört er die Worte sie sagen:
»Jetzt wird er ans Kreuz geschlagen.«
Und die Angst beflügelt den eilenden Fuß,
Ihn jagen der Sorge Qualen;
Da schimmern in Abendrots Strahlen
Von ferne die Zinnen von Syrakus,
Und entgegen kommt ihm Philostratus,
Des Hauses redlicher Hüter,
Der erkennet entsetzt den Gebieter:
»Zurück! du rettest den Freund nicht mehr,
So rette das eigene Leben!
Den Tod erleidet er eben.
Von Stunde zu Stunde gewartet' er
Mit hoffender Seele der Wiederkehr,
Ihm konnte den mutigen Glauben
Der Hohn des Tyrannen nicht rauben.«
»Und ist es zu spät, und kann ich ihm nicht,
Ein Retter, willkommen erscheinen,
So soll mich der Tod ihm vereinen.
Des rühme der blut'ge Tyrann sich nicht,
Daß der Freund dem Freunde gebrochen die Pflicht;
Er schlachte der Opfer zweie
Und glaube an Liebe und Treue!«
Und die Sonne geht unter, da steht er am Tor
Und sieht das Kreuz schon erhöhet,
Das die Menge gaffend umstehet;
An dem Seile schon zieht man den Freund empor,
Da zertrennt er gewaltig den dichter Chor:
»Mich, Henker«, ruft er, »erwürget!
Da bin ich, für den er gebürget!«
Und Erstaunen ergreifet das Volk umher,
In den Armen liegen sich beide
Und weinen vor Schmerzen und Freude.
Da sieht man kein Auge tränenleer,
Und zum Könige bringt man die Wundermär';
Der fühlt ein menschliches Rühren,
Läßt schnell vor den Thron sie führen,
Und blicket sie lange verwundert an.
Drauf spricht er: »Es ist euch gelungen,
Ihr habt das Herz mir bezwungen;
Und die Treue, sie ist doch kein leerer Wahn -
So nehmet auch mich zum Genossen an.
Ich sei, gewährt mir die Bitte,
In eurem Bunde der dritte!«
Musik: Elisa Theusner
(24) Johann Wolfgang von Goethe "Osterspaziergang"(Fri, 06 Apr 2007 00:35:56 +0200) Vom Eise befreit sind Strom und Bäche,
Durch des Frühlings holden, belebenden Blick,
Im Tale grünet Hoffnungsglück;
Der alte Winter, in seiner Schwäche,
Zog sich in rauhe Berge zurück.
Von dort her sendet er, fliehend, nur
Ohnmächtige Schauer körnigen Eises
In Streifen über die grünende Flur.
Aber die Sonne duldet kein Weißes,
Überall regt sich Bildung und Streben,
Alles will sie mit Farben beleben;
Doch an Blumen fehlts im Revier,
Sie nimmt geputzte Menschen dafür.
Kehre dich um, von diesen Höhen
Nach der Stadt zurück zu sehen.
Aus dem hohlen finstren Tor
Dringt ein buntes Gewimmel hervor.
Jeder sonnt sich heut so gern.
Sie feiern die Auferstehung des Herrn,
Denn sie sind selber auferstanden,
Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern,
Aus Handwerks- und Gewerbesbanden,
Aus dem Druck von Giebeln und Dächern,
Aus der Straßen quetschender Enge,
Aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht
Sind sie alle ans Licht gebracht.
Sieh nur sieh! wie behend sich die Menge
Durch die Gärten und Felder zerschlägt,
Wie der Fluß in Breit und Länge
So manchen lustigen Nachen bewegt,
Und, bis zum Sinken überladen,
Entfernt sich dieser letzte Kahn.
Selbst von des Berges fernen Pfaden
Blinken uns farbige Kleider an.
Ich höre schon des Dorfs Getümmel,
Hier ist des Volkes wahrer Himmel,
Zufrieden jauchzet groß und klein:
Hier bin ich Mensch, hier darf ichs sein!
Klavier: Ulrike Theusner mit "Original
WeimarerKutschenAtmo"
(23) Johann Wolfgang von Goethe "Faust 1 - Vor dem Tor"(Thu, 22 Mar 2007 19:01:11 +0100) - WAGNER -
Man sieht sich leicht an Wald und Feldern satt;
Des Vogels Fittich werd ich nie beneiden.
Wie anders tragen uns die Geistesfreuden
Von Buch zu Buch, von Blatt zu Blatt!
Da werden Winternächte hold und schön
Ein selig Leben wärmet alle Glieder,
Und ach! entrollst du gar ein würdig Pergamen,
So steigt der ganze Himmel zu dir nieder.
- FAUST -
Du bist dir nur des einen Triebs bewußt,
O lerne nie den andern kennen!
Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust,
Die eine will sich von der andern trennen;
Die eine hält, in derber Liebeslust,
Sich an die Welt mit klammernden Organen;
Die andre hebt gewaltsam sich vom Dust
Zu den Gefilden hoher Ahnen.
O gibt es Geister in der Luft,
Die zwischen Erd und Himmel herrschend weben
So steiget nieder aus dem goldnen Duft
Und führt mich weg zu neuem, buntem Leben!
Ja, wäre nur ein Zaubermantel mein,
Und trüg er mich in fremde Länder!
Mir wollt er um die köstlichsten Gewänder,
Nicht feil um einen Königsmantel sein.
Heute vor 175 Jahren starb Johann Wolfgang von Goethe in Weimar.
(22) Kurt Tucholsky "Augen in der Großstadt"(Mon, 05 Mar 2007 21:10:45 +0100) Wenn du zur Arbeit gehst
am frühen Morgen,
wenn du am Bahnhof stehst
mit deinen Sorgen:
dann zeigt die Stadt
dir asphaltglatt
im Menschentrichter
Millionen Gesichter:
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider -
Was war das?
Vielleicht dein Lebensglück...
vorbei, verweht, nie wieder.
Du gehst dein Leben lang
auf tausend Straßen;
du siehst auf deinem Gang,
die dich vergaßen.
Ein Auge winkt,
die Seele klingt
du hast's gefunden,
nur für Sekunden...
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider -
Was war das?
Kein Mensch dreht die Zeit zurück...
Vorbei, verweht, nie wieder.
Du mußt auf deinem Gang
durch Städte wandern;
siehst einen Pulsschlag lang
den fremden Andern.
Es kann ein Feind sein,
es kann ein Freund sein,
es kann im Kampfe dein
Genosse sein.
Es sieht hinüber
und zieht vorüber ...
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider -
Was war das?
Von der großen Menschheit ein Stück!
Vorbei, verweht, nie wieder.
wikiPedia - Tucholsky und Lisa Matthias im schwedischen Läggesta, 1929
Musik: Ulrike und Elisa Theusner
(21) Johann Wolfgang von Goethe "Erlkönig"(Sun, 04 Feb 2007 18:48:23 +0100) Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?
Es ist der Vater mit seinem Kind;
Er hat den Knaben wohl in dem Arm,
Er faßt ihn sicher, er hält ihn warm.
Mein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht? -
Siehst Vater, du den Erlkönig nicht?
Den Erlenkönig mit Kron und Schweif? -
Mein Sohn, es ist ein Nebelstreif. -
»Du liebes Kind, komm, geh mit mir!
Gar schöne Spiele spiel ich mit dir;
Manch bunte Blumen sind an dem Strand,
Meine Mutter hat manch gülden Gewand.«
Mein Vater, mein Vater, und hörest du nicht,
Was Erlenkönig mir leise verspricht? -
Sei ruhig, bleibe ruhig, mein Kind;
In dürren Blättern säuselt der Wind. -
»Willst, feiner Knabe, du mit mir gehn?
Meine Töchter sollen dich warten schön;
Meine Töchter führen den nächtlichen Reihn
Und wiegen und tanzen und singen dich ein.«
Illustriert von Frank Kirchbach
Mein Vater, mein Vater, und siehst du nicht dort
Erlkönigs Töchter am düstren Ort? -
Mein Sohn, mein Sohn, ich seh es genau:
Es scheinen die alten Weiden so grau. -
»Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt;
Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt.«
Mein Vater, mein Vater, jetzt faßt er mich an!
Erlkönig hat mir ein Leids getan! -
Dem Vater grauset's, er reitet geschwind,
Er hält in den Armen das ächzende Kind,
Erreicht den Hof mit Mühe und Not;
In seinen Armen das Kind war tot.
Musik: Elisa Theusner
(20) Friedrich Nietzsche "Zarathustra" 3.Teil - Der Wanderer(Mon, 22 Jan 2007 20:16:15 +0100) Als nun Zarathustra so den Berg hinanstieg,
gedachte er unterwegs des vielen einsamen Wanderns von Jugend an,
und wie viele Berge und Rücken und Gipfel er schon gestiegen sei.
Ich bin ein Wanderer und ein Bergsteiger,
sagte er zu seinem Herzen,
ich liebe die Ebenen nicht,
und es scheint,
ich kann nicht lange still sitzen.
Und was mir nun auch noch als Schicksal und Erlebnis komme
- ein Wandern wird darin sein und ein Bergsteigen:
man erlebt endlich nur noch sich selber.
Die Zeit ist abgeflossen, wo mir noch Zufälle begegnen durften;
und was könnte jetzt noch zu mir fallen,
was nicht schon mein Eigen wäre!
Es kehrt nur zurück, es kommt mir endlich heim -
mein eigen Selbst,
und was von ihm lange in der Fremde war
und zerstreut unter alle Dinge und Zufälle.
Und noch eins weiß ich:
ich stehe jetzt vor meinem letzten Gipfel und vor dem,
was mir am längsten aufgespart war.
Ach, meinen härtesten Weg muss ich hinan!
Ach, ich begann meine einsamste Wanderung!
Wer aber meiner Art ist,
der entgeht einer solchen Stunde nicht:
der Stunde, die zu ihm redet:
"Jetzt erst gehst du deinen Weg der Größe!
Gipfel und Abgrund - das ist jetzt in Eins beschlossen!
Du gehst deinen Weg der Größe:
nun ist deine letzte Zuflucht worden,
was bisher deine letzte Gefahr hieß!
Du gehst deinen Weg der Größe:
das muss nun dein bester Mut sein,
dass es hinter dir keinen Weg mehr gibt!
Du gehst deinen Weg der Größe;
hier soll dir keiner nachschleichen!
Dein Fuß selber löschte hinter dir den Weg aus,
und über ihm steht geschrieben: Unmöglichkeit.
Und wenn dir nunmehr alle Leitern fehlen,
so musst du verstehen,
noch auf deinen eigenen Kopf zu steigen:
wie wolltest du anders aufwärts steigen?
Auf deinen eigenen Kopf und hinweg über dein eigenes Herz!
Jetzt muss das Mildeste an dir noch zum Härtesten werden.
Wer sich stets viel geschont hat,
der kränkelt zuletzt an seiner vielen Schonung.
Gelobt sei, was hart macht!
Ich lobe das Land nicht, wo Butter und Honig - fließt!
Von sich absehen lernen ist nötig,
um viel zu sehn:
- diese Härte tut jedem Bergsteigenden Not.
Wer aber mit den Augen zudringlich ist als Erkennender,
wie sollte der von allen Dingen mehr als ihre vorderen Gründe sehn!
Du aber, oh Zarathustra,
wolltest aller Dinge Grund schaun und Hintergrund:
so musst du schon über dich selber steigen,
- hinan, hinauf, bis du auch deine Sterne noch unter dir hast!
Ja! Hinab auf mich selber sehn und noch auf meine Sterne:
das erst hieße mir mein Gipfel,
das blieb mir noch zurück als mein letzter Gipfel! -"
Also sprach Zarathustra im Steigen zu sich,
mit harten Sprüchlein sein Herz tröstend:
denn er ward wund am Herzen wie noch niemals zuvor.
Und als er auf die Höhe des Bergrückens kam,
siehe, da lag das andere Meer vor ihm ausgebreitet:
und er stand still und schwieg lange.
Die Nacht aber war kalt in dieser Höhe und klar und hellgestirnt.
Ich erkenne mein Los, sagte er endlich mit Trauer.
Wohlan! Ich bin bereit. Eben begann meine letzte Einsamkeit.
Ach, diese schwarze traurige See unter mir!
Ach, Schicksal und See! Zu euch muss ich nun hinab steigen!
Vor meinem höchsten Berge stehe ich
und vor meiner längsten Wanderung:
darum muss ich erst tiefer hinab als ich jemals stieg:
- tiefer hinab in den Schmerz als ich jemals stieg,
bis hinein in seine schwärzeste Flut!
So will es mein Schicksal: Wohlan! Ich bin bereit.
Woher kommen die höchsten Berge? so fragte ich einst.
Da lernte ich, dass sie aus dem Meere kommen.
Dies Zeugnis ist in ihr Gestein geschrieben
und in die Wände ihrer Gipfel.
Aus dem Tiefsten muss das Höchste zu seiner Höhe kommen. -
Als er aber in die Nähe des Meeres kam
und zuletzt allein unter den Klippen stand,
da war er unterwegs müde geworden und sehnsüchtiger
als noch zuvor.
Es schläft jetzt alles noch, sprach er; auch das Meer schläft.
Aber es atmet warm, das fühle ich. Und ich fühle auch,
dass es träumt.
Es windet sich träumend auf harten Kissen.
Horch! Horch! Wie es stöhnt von bösen Erinnerungen!
Oder bösen Erwartungen?
Ach, ich bin traurig mit dir, du dunkles Ungeheuer,
und mir selber noch gram um deinetwillen.
Ach, dass meine Hand nicht Stärke genug hat!
Gerne, wahrlich, möchte ich dich von bösen Träumen erlösen! -
Und indem Zarathustra so sprach,
lachte er mit Schwermut und Bitterkeit über sich selber.
Wie! Zarathustra! sagte er, willst du noch dem Meere Trost singen?
Ach, du liebreicher Narr Zarathustra, du Vertrauens-Überseliger!
Aber so warst du immer:
immer kamst du vertraulich zu allem Furchtbaren.
Jedes Ungetüm wolltest du streicheln.
Ein Hauch warmen Atems,
ein wenig weiches Gezottel an der Tatze -:
und gleich warst du bereit, es zu lieben und zu locken.
Die Liebe ist die Gefahr des Einsamsten,
die Liebe zu Allem, wenn es nur lebt!
Zum Lachen ist wahrlich meine Narrheit
und meine Bescheidenheit in der Liebe!-
Klavier: Elisa Theusner
(19) Immanuel Kant "Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?"(Sun, 17 Dec 2006 20:52:34 +0100) Aufklärung ist
der Ausgang des Menschen
aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit.
Unmündigkeit ist das Unvermögen,
sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen.
Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit,
wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes,
sondern der Entschließung und des Mutes liegt,
sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen.
Sapere aude!
Habe Mut
dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!
ist also der Wahlspruch der Aufklärung.
Faulheit und Feigheit sind die Ursachen,
warum ein so großer Teil der Menschen,
nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung frei gesprochen,
dennoch gerne zeitlebens unmündig bleiben;
und warum es Anderen so leicht wird,
sich zu deren Vormündern aufzuwerfen.
Es ist so bequem, unmündig zu sein.
Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat,
einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat,
einen Arzt, der für mich die Diät beurteilt, u.s.w.,
so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen.
Ich habe nicht nötig zu denken,
wenn ich nur bezahlen kann;
andere werden das verdrießliche Geschäft schon für mich übernehmen.
Daß der bei weitem größte Teil der Menschen
(darunter das ganze schöne Geschlecht) den Schritt zur Mündigkeit,
außer dem daß er beschwerlich ist, auch für sehr gefährlich halte:
dafür sorgen schon jene Vormünder,
die die Oberaufsicht über sie gütigst auf sich genommen haben.
Nachdem sie ihr Hausvieh zuerst dumm gemacht haben und sorgfältig verhüteten,
daß diese ruhigen Geschöpfe ja keinen Schritt außer dem Gängelwagen,
darin sie sie einsperreten, wagen durften,
so zeigen sie ihnen nachher die Gefahr,
die ihnen drohet, wenn sie es versuchen allein zu gehen.
Nun ist diese Gefahr zwar eben so groß nicht,
denn sie würden durch einigemal Fallen wohl endlich gehen lernen;
allein ein Beispiel von der Art macht doch schüchtern
und schreckt gemeiniglich von allen ferneren Versuchen ab.
Es ist also für jeden einzelnen Menschen schwer,
sich aus der ihm beinahe zur Natur gewordenen Unmündigkeit herauszuarbeiten.
Er hat sie sogar lieb gewonnen und ist vor der Hand wirklich unfähig,
sich seines eigenen Verstandes zu bedienen,
weil man ihn niemals den Versuch davon machen ließ.
Satzungen und Formeln,
diese mechanischen Werkzeuge eines vernünftigen Gebrauchs
oder vielmehr Mißbrauchs seiner Naturgaben,
sind die Fußschellen einer immerwährenden Unmündigkeit.
Wer sie auch abwürfe,
würde dennoch auch über den schmalesten Graben
einen nur unsicheren Sprung tun,
weil er zu dergleichen freier Bewegung nicht gewöhnt ist.
Daher gibt es nur Wenige, denen es gelungen ist,
durch eigene Bearbeitung ihres Geistes
sich aus der Unmündigkeit heraus zu wickeln
und dennoch einen sicheren Gang zu tun.
(18) Gotthold Ephraim Lessing "Die Geschichte des alten Wolfs"(Sat, 18 Nov 2006 22:16:17 +0100) 1.
Der böse Wolf war zu Jahren gekommen
und faßte den gleißenden Entschluß,
mit den Schäfern auf einem gütlichen Fuß zu leben.
Er machte sich also auf und kam zu dem Schäfer,
dessen Horden seiner Höhle die nächsten waren.
"Schäfer", sprach er,
"du nennest mich den blutgierigsten Räuber,
der ich doch wirklich nicht bin.
Freilich muß ich mich an deine Schafe halten,
wenn mich hungert; denn Hunger tut weh.
Schütze mich nur vor dem Hunger;
mache mich nur satt,
und du sollst mit mir recht wohl zufrieden sein.
Denn ich bin wirklich das zahmste,
sanftmütigste Tier, wenn ich satt bin."
"Wenn du satt bist? Das kann wohl sein",
versetzte der Schäfer.
"Aber wann bist du denn satt?
Du und der Geiz werden es nie.
Geh deinen Weg!"
2.
Der abgewiesene Wolf kam zu einem zweiten Schäfer.
"Du weißt, Schäfer", war seine Anrede,
"daß ich dir das Jahr durch manches Schaf würgen könnte.
Willst du mir überhaupt jedes Jahr sechs Schafe geben,
so bin ich zufrieden.
Du kannst alsdenn sicher schlafen
und die Hunde ohne Bedenken abschaffen."
"Sechs Schafe?" sprach der Schäfer,
"das ist ja eine ganze Herde!"
"Nun, weil du es bist,
so will ich mich mit fünfen begnügen", sagte der Wolf.
"Du scherzest, fünf Schafe!
Mehr als fünf Schafe opfere ich kaum im ganzen Jahr dem Pan."
"Auch nicht viere?" fragte der Wolf weiter;
und der Schäfer schüttelte spöttisch den Kopf.
"Drei? - Zwei?"
"Nicht ein einziges", fiel endlich der Bescheid,
"denn es wäre ja wohl töricht,
wenn ich mich einem Feinde zinsbar machte,
vor welchem ich mich durch meine Wachsamkeit sichern kann."
3.
Aller guten Dinge sind drei,
dachte der Wolf und kam zu einem dritten Schäfer.
"Es geht mir recht nahe", sprach er,
"daß ich unter euch Schäfern als das grausamste,
gewissenloseste Tier verschrien bin.
Dir, Montan, will ich jetzt beweisen, wie unrecht man mir tut.
Gib mir jährlich ein Schaf, so soll deine Herde in jenem Walde,
den niemand unsicher macht als ich,
frei und unbeschädigt weiden dürfen.
Ein Schaf! Welche Kleinigkeit! Könnte ich großmütiger,
könnte ich uneigennütziger handeln?
-
Du lachst, Schäfer? Worüber lachst du denn?"
"Oh, über nichts! Aber wie alt bist du, guter Freund?"
sprach der Schäfer.
"Was geht dich mein Alter an? Immer noch alt genug,
dir deine liebsten Lämmer zu würgen."
"Erzürne dich nicht, alter Isegrim!
Es tut mir leid,
daß du mit deinem Vorschläge einige Jahre zu späte kommst.
Deine ausgebissenen Zähne verraten dich.
Du spielst den Uneigennützigen,
bloß um dich gemächlicher mit desto weniger Gefahr nähren zu können."
4.
Der Wolf ward ärgerlich,
faßte sich aber doch und ging auch zu dem vierten Schäfer.
Diesem war eben sein treuer Hund gestorben,
und der Wolf machte sich den Umstand zunutze.
"Schäfer", sprach er,
"ich habe mich mit meinen Brüdern in dem Walde veruneiniget und so,
daß ich mich in Ewigkeit nicht wieder mit ihnen aussöhnen werde.
Du weißt, wieviel du von ihnen zu fürchten hast!
Wenn du mich aber anstatt deines verstorbenen Hundes
in Dienste nehmen willst,
so stehe ich dafür,
daß sie keines deiner Schafe auch nur scheel ansehen sollen."
"Du willst sie also",
versetzte der Schäfer,
"gegen deine Brüder im Walde beschützen?"
"Was meine ich denn sonst? Freilich."
"Das wäre nicht übel!
Aber, wenn ich dich nun in meine Horden einnähme,
sage mir doch,
wer sollte alsdenn meine armen Schafe gegen dich beschützen?
Einen Dieb ins Haus nehmen,
um vor den Dieben außer dem Hause sicher zu sein,
das halten wir Menschen -"
"Ich höre schon", sagte der Wolf, "du fängst an zu moralisieren.
Lebe wohl!"
5.
"Wäre ich nicht so alt!" knirschte der Wolf
"Aber ich muß mich leider in die Zeit schicken."
Und so kam er zu dem fünften Schäfer.
"Kennst du mich, Schäfer?" fragte der Wolf.
"Deinesgleichen wenigstens kenne ich", versetzte der Schäfer.
"Meinesgleichen? Daran zweifle ich sehr.
Ich bin ein so sonderbarer Wolf,
daß ich deiner und aller Schäfer Freundschaft wohl wert bin."
"Und wie sonderbar bist du denn?"
"Ich könnte kein lebendiges Schaf würgen und fressen,
und wenn es mir das Leben kosten sollte.
Ich nähre mich bloß mit toten Schafen.
Ist das nicht löblich? Erlaube mir also immer,
daß ich mich dann und wann bei deiner Herde einfinden
und nachfragen darf, ob dir nicht -"
"Spare der Worte!" sagte der Schäfer.
"Du müßtest gar keine Schafe fressen, auch nicht einmal tote,
wenn ich dein Feind nicht sein sollte.
Ein Tier, das mir schon tote Schafe frißt,
lernt leicht aus Hunger kranke Schafe für tot
und gesunde für krank ansehen.
Mache auf meine Freundschaft also keine Rechnung und geh!"
6.
Ich muß nun schon mein Liebstes daran wenden,
um zu meinem Zwecke zu gelangen!
dachte der Wolf und kam zu dem sechsten Schäfer.
"Schäfer, wie gefällt dir mein Pelz?" fragte der Wolf.
"Dein Pelz?" sagte der Schäfer,
"laß sehen! Er ist schön;
die Hunde müssen dich nicht oft untergehabt haben."
"Nun, so höre, Schäfer;
ich bin alt und werde es so lange nicht mehr treiben.
Füttere mich zu Tode, und ich vermache dir meinen Pelz."
"Ei sieh doch,
kömmst du auch hinter die Schliche der alten Geizhälse?
Nein, nein; dein Pelz würde mich am Ende siebenmal mehr kosten,
als er wert wäre.
Ist es dir aber ein Ernst, mir ein Geschenk zu machen,
so gib mir ihn gleich jetzt."
Hiermit griff der Schäfer nach der Keule, und der Wolf floh.
7.
"0h die Unbarmherzigen!" schrie der Wolf und geriet in die äußerste Wut.
"So will ich auch als ihr Feind sterben, ehe mich der Hunger tötet,
denn sie wollen es nicht besser!"
Er lief, brach in die Wohnungen der Schäfer ein,
riß ihre Kinder nieder
und ward nicht ohne große Mühe von den Schäfern erschlagen.
Da sprach der weiseste von ihnen:
"Wir taten doch wohl unrecht,
daß wir den alten Räuber auf das äußerste brachten
und ihm alle Mittel zur Besserung,
so spät und erzwungen sie auch war, benahmen! "
Bild (wikipedia) : "Wolfspuren im Sand"
Musik: Elisa Theusner
(17) Henrik Ibsen - Auzug aus "Peer Gynt"(Sat, 11 Nov 2006 00:03:00 +0100) --ERSTER AKT--
SOLVEJG
(in der Tür.)
Wolltest nicht Du mit mir tanzen vorhinnen?
PEER GYNT.
Jawohl wollt' ich das; kannst Dich nimmer besinnen?
(Faßt sie bei der Hand.)
Komm!
SOLVEJG.
Doch, sagt Mutter, nicht lang! Nicht wahr?
PEER GYNT.
Sagt Mutter? Bist Du vom vorigen Jahr?
SOLVEJG.
Du machst Dich lustig -!
PEER GYNT.
Du bist doch aufs Haar
Schon erwachsen?
SOLVEJG.
Im Mai war ich am Altar.
PEER GYNT.
Wie heißt Du denn, - daß wir bekannter werden?
SOLVEJG.
Ich heiße Solvejg. - Und wie heißt Du?
PEER GYNT.
Peer Gynt.
PEER GYNT
(Faßt sie ums Handgelenk.)
Jetzt will ich drehn Dich, was Mutter auch schilt.
SOLVEJG.
Laß mich!
PEER GYNT.
Warum denn?
SOLVEJG.
Du bist so wild.
PEER GYNT.
Auch der Renbock ist wild, wenn der Sommer nah ist.
Komm und sei nicht so halsstarrig, Kind!
SOLVEJG
(zieht den Arm an sich.)
Darf nicht.
PEER GYNT.
Warum nicht?
SOLVEJG.
Du hast getrunken.
PEER GYNT.
Du schämst Dich, weil ich wie 'n Lump angezogen.
SOLVEJG
Das ist nicht wahr, nein, das bist Du nicht!
Ich darf nicht, und wenn ich schon mag.
PEER GYNT.
Vor wem bist Du bang?
SOLVEJG.
Meist vor Vater.
PEER GYNT.
Der ist wohl von diesen stillen Christen,
Läßt die Ohren hängen? Was? Hab' ich recht? Sag'!
Ihr seid Pietisten?
Der Vater, nicht? - und auch Mutter und Du?
Na, kannst Du nicht reden?
SOLVEJG.
Laß mich in Ruh'.
PEER GYNT.
Nein!
Du, ich verwandel' mich in einen Troll!
Ich komm' an Dein Bett heut, wenn Mitternacht voll.
Hörst Du dann ein Geschab' und Gekratze,
So denk nur nicht etwa, das wär' bloß die Katze.
Da komm' ich und trink' ich Dein Blut wie ein Mahr;
Und Dein Schwesterlein fress' ich mit Haut und mit Haar;
Ja, denn Du mußt wissen, ich bin Werwolf bei Nacht; -
Ich beiß' Dich in Lenden und Rücken und Mark - -
(Schlägt plötzlich einen andern Ton an und bittet wie in Angst.)
Tanz' mit mir, Solvejg!
SOLVEJG
(sieht ihn finster an.)
Jetzt warst Du arg.
(Ab ins Haus.)
--ZWEITER AKT--
(Peer Gynt geht eilig und unwillig den Steig entlang.
Ingrid, halb in Brautputz, sucht ihn zurückzuhalten.)
PEER GYNT.
Geh!
INGRID
(weinend.)
Nach all dem, was geschehen!
Und wohin?
PEER GYNT.
Was kümmert's mich!
INGRID
(ringt die Hände.)
Welch ein Treubruch!
PEER GYNT.
Statt zu schmähen,
Wandre Deines Wegs wie ich!
INGRID.
Unsre Schuld muß uns vereinen!
PEER GYNT.
Hol' die Pest Euch Weiber alle - -
Außer einer -!
INGRID.
Welcher einen?
PEER GYNT.
Du bist's schwerlich.
INGRID.
Also wer?
PEER GYNT.
Geh!
INGRID.
Ach Peer -!
PEER GYNT.
Schweig!
INGRID.
Du kannst unmöglich meinen,
Was Du redest.
PEER GYNT.
Kann ich doch!
INGRID.
Erst verführen, - dann erkalten!
PEER GYNT.
Und was hast Du, mich zu halten?
Hast Du ein Gesangbuch?
Hältst Du Mutters Schürze? Schlägst Du
Fromm den Blick zur Erde nieder?
INGRID.
Ich -?
PEER GYNT.
Bist Du vor hundert Tagen
Am Altar gewesen?
INGRID.
Nein -
PEER GYNT.
Kann Dein Auge züchtig sein?
Kannst Du mir 'ne Bitt' abschlagen?
INGRID.
Peer, bist Du von Sinnen, he?
PEER GYNT.
Wird der, der Dich ansieht, rein?
Sag'!
INGRID.
Nein, aber -
PEER GYNT.
Also geh!
(Will gehen.)
Ich wär' ein Tropf!
INGRID
(bricht in Tränen aus.)
Du betrogst mich -!
PEER GYNT.
Du warst willig.
INGRID.
Trostlos war ich!
PEER GYNT.
Ich war toll.
INGRID
(drohend.)
Doch Du zahlst den Preis mir voll!
PEER GYNT.
Hier ist jeder Preis noch billig.
INGRID.
Also nicht?
PEER GYNT.
Komm mir nicht nah!
INGRID.
Gut! Du spürst noch meine Kralle!
(Steigt hinab.)
PEER GYNT
(schweigt eine Weile; auf einmal schreit er)
Daß die Pest auf all das falle!
Hol' die Pest Euch Weiber alle!
INGRID
(wendet den Kopf und ruft höhnisch herauf)
Außer einer!
PEER GYNT.
Einer; ja.
(Ab, ein jedes seines Wegs.)
Klavier: Ulrike
(16) Friedrich Nietzsche "Abschied"(Fri, 10 Nov 2006 23:35:23 +0100) Die Krähen schrei'n
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnei'n ?
Wohl dem, der jetzt noch ? Heimat hat!
Nun stehst du starr,
Schaust rückwärts ach! wie lange schon!
Was bist du, Narr,
Vor Winters in die Welt ? entflohn?
Die Welt ? ein Thor
Zu tausend Wüsten stumm und kalt!
Wer Das verlor,
Was du verlorst, macht nirgends Halt.
Nun stehst du bleich,
Zur Winter-Landschaft verflucht,
Dem Rauche gleich,
Der stets nach kältern Himmeln sucht.
Flieg', Vogel, schnarr'
Dein Lied im Wüsten-Vogel-Ton! ?
Versteck' du Narr,
Dein blutend Herz in Eis und Hohn!
Die Krähen schrei'n
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnei'n ?
Weh dem, der keine Heimat hat!
Musik: Elisa Theusner
(15) Johann Wolfgang von Goethe "Faust 1- Marthens Garten"(Wed, 18 Oct 2006 20:17:26 +0200) MARGARETE:
Versprich mir, Heinrich!
FAUST:
Was ich kann!
MARGARETE:
Nun sag, wie hast du's mit der Religion?
Du bist ein herzlich guter Mann,
Allein ich glaub, du hältst nicht viel davon.
FAUST:
Laß das, mein Kind! Du fühlst, ich bin dir gut;
Für meine Lieben ließ' ich Leib und Blut,
Will niemand sein Gefühl und seine Kirche rauben.
MARGARETE:
Das ist nicht recht, man muß dran glauben.
FAUST:
Muß man?
MARGARETE:
Ach! wenn ich etwas auf dich konnte!
Du ehrst auch nicht die heil'gen Sakramente.
FAUST:
Ich ehre sie.
MARGARETE:
Doch ohne Verlangen.
Zur Messe, zur Beichte bist du lange nicht gegangen.
Glaubst du an Gott?
FAUST:
Mein Liebchen, wer darf sagen: Ich glaub an Gott?
Magst Priester oder Weise fragen,
Und ihre Antwort scheint nur Spott
Über den Frager zu sein.
MARGARETE:
So glaubst du nicht?
FAUST:
Mißhör mich nicht, du holdes Angesicht!
Wer darf ihn nennen?
Und wer bekennen:
Ich glaub ihn!
Wer empfinden,
Und sich unterwinden
Zu sagen: Ich glaub ihn nicht!
Der Allumfasser,
Der Allerhalter,
Faßt und erhält er nicht
Dich, mich, sich selbst?
Wölbt sich der Himmel nicht da droben?
Liegt die Erde nicht hier unten fest?
Und steigen freundlich blickend
Ewige Sterne nicht herauf?
Schau ich nicht Aug in Auge dir,
Und drängt nicht alles
Nach Haupt und Herzen dir,
Und webt in ewigem Geheimnis
Unsichtbar sichtbar neben dir?
Erfüll davon dein Herz, so groß es ist,
Und wenn du ganz in dem Gefühle selig bist,
Nenn es dann, wie du willst,
Nenn's Glück! Herz! Liebe! Gott!
Ich habe keinen Namen
Dafür! Gefühl ist alles;
Name ist Schall und Rauch,
Umnebelnd Himmelsglut.
MARGARETE:
Das ist alles recht schön und gut;
Ungefähr sagt das der Pfarrer auch,
Nur mit ein bißchen andern Worten.
FAUST:
Es sagen's allerorten
Alle Herzen unter dem himmlischen Tage,
Jedes in seiner Sprache;
Warum nicht ich in der meinen?
MARGARETE:
Wenn man's so hört, möcht's leidlich scheinen,
Steht aber doch immer schief darum;
Denn du hast kein Christentum.
FAUST:
Liebs Kind!
MARGARETE:
Es tut mir lange schon weh, Daß ich dich in der Gesellschaft seh.
FAUST:
Wie so?
MARGARETE:
Der Mensch, den du da bei dir hast, Ist mir in tiefer innrer Seele verhaßt;
Es hat mir in meinem Leben
So nichts einen Stich ins Herz gegeben
Als des Menschen widrig Gesicht.
FAUST:
Liebe Puppe, fürcht ihn nicht!
MARGARETE:
Seine Gegenwart bewegt mir das Blut.
Ich bin sonst allen Menschen gut;
Aber wie ich mich sehne, dich zu schauen,
Hab ich vor dem Menschen ein heimlich Grauen,
Und halt ihn für einen Schelm dazu!
Gott verzeih mir's, wenn ich ihm unrecht tu!
FAUST:
Es muß solche Käuze geben.
MARGARETE:
Wollte nicht mit seinesgleichen leben!
Kommt er einmal zur Tür herein,
Sieht er immer so spöttisch drein
Und halb ergrimmt;
Man sieht, daß er an nichts keinen Anteil nimmt;
Es steht ihm an der Stirn geschrieben,
Daß er nicht mag eine Seele lieben.
Mir wird's so wohl in deinem Arm,
So frei, so hingegeben warm,
Und seine Gegenwart schnürt mir das Innre zu.
FAUST:
Du ahndungsvoller Engel du!
MARGARETE:
Das übermannt mich so sehr,
Daß, wo er nur mag zu uns treten,
Mein ich sogar, ich liebte dich nicht mehr.
Auch, wenn er da ist, könnt ich nimmer beten,
Und das frißt mir ins Herz hinein;
Dir, Heinrich, muß es auch so sein.
FAUST:
Du hast nun die Antipathie!
MARGARETE:
Ich muß nun fort.
FAUST:
Ach kann ich nie Ein Stündchen ruhig dir am Busen hängen
Und Brust an Brust und Seel in Seele drängen?
MARGARETE:
Ach wenn ich nur alleine schlief!
Ich ließ dir gern heut nacht den Riegel offen;
Doch meine Mutter schläft nicht tief,
Und würden wir von ihr betroffen,
Ich wär gleich auf der Stelle tot!
FAUST:
Du Engel, das hat keine Not.
Hier ist ein Fläschchen!
Drei Tropfen nur In ihren Trank umhüllen
Mit tiefem Schlaf gefällig die Natur.
MARGARETE:
Was tu ich nicht um deinetwillen?
Es wird ihr hoffentlich nicht schaden!
FAUST:
Würd ich sonst, Liebchen, dir es raten?
MARGARETE:
Seh ich dich, bester Mann, nur an,
Weiß nicht, was mich nach deinem Willen treibt,
Ich habe schon so viel für dich getan,
Daß mir zu tun fast nichts mehr übrigbleibt. (Ab.)Mephistopheles tritt auf.
MEPHISTOPHELES:
Der Grasaff! ist er weg?
FAUST:
Hast wieder spioniert?
MEPHISTOPHELES:
Ich hab's ausführlich wohl vernommen,
Herr Doktor wurden da katechisiert;
Hoff, es soll Ihnen wohl bekommen.
Die Mädels sind doch sehr interessiert,
Ob einer fromm und schlicht nach altem Brauch.
Sie denken: duckt er da, folgt er uns eben auch.
FAUST:
Du Ungeheuer siehst nicht ein,
Wie diese treue liebe Seele
Von ihrem Glauben voll,
Der ganz allein
Ihr seligmachend ist, sich heilig quäle,
Daß sie den liebsten Mann verloren halten soll.
MEPHISTOPHELES:
Du übersinnlicher sinnlicher Freier,
Ein Mägdelein nasführet dich.
FAUST:
Du Spottgeburt von Dreck und Feuer!
MEPHISTOPHELES:
Und die Physiognomie versteht sie meisterlich:
In meiner Gegenwart wird's ihr, sie weiß nicht wie,
Mein Mäskchen da weissagt verborgnen Sinn;
Sie fühlt, daß ich ganz sicher ein Genie,
Vielleicht wohl gar der Teufel bin.
Nun, heute nacht-?
FAUST:
Was geht dich's an?
MEPHISTOPHELES:
Hab ich doch meine Freude dran!
(14) Friedrich Nietzsche "Zarathustra" 1.Teil Nr.2(Tue, 26 Sep 2006 23:59:00 +0200) ''Ja, ich erkenne Zarathustra.
Rein ist sein Auge, und an seinem Munde birgt sich kein Ekel.
Geht er nicht daher wie ein Tänzer?
Verwandelt ist Zarathustra, zum Kind ward Zarathustra,
ein Erwachter ist Zarathustra:
was willst du nun bei den Schlafenden?
Wie im Meere lebtest du in der Einsamkeit,
und das Meer trug dich.
Wehe, du willst an's Land steigen?
Wehe, du willst deinen Leib wieder selber schleppen?''
Zarathustra antwortete: ''Ich liebe die Menschen.''
''Warum'', sagte der Heilige,
''ging ich doch in den Wald und die Einöde?
War es nicht, weil ich die Menschen allzu sehr liebte?
Jetzt liebe ich Gott: die Menschen liebe ich nicht.
Der Mensch ist mir eine zu unvollkommene Sache.
Liebe zum Menschen würde mich umbringen.''
Zarathustra antwortete:
''Was sprach ich von Liebe!
Ich bringe den Menschen ein Geschenk.''
''Gib ihnen Nichts'', sagte der Heilige.
''Nimm ihnen lieber etwas ab und trage es mit ihnen
- das wird ihnen am wohlsten tun:
wenn er dir nur wohltut!
Und willst du ihnen geben,
so gib nicht mehr, als ein Almosen,
und lass sie noch darum betteln!''
''Nein'', antwortete Zarathustra,
''ich geb kein Almosen. Dazu bin ich nicht arm genug.''
Der Heilige lachte über Zarathustra und sprach also:
''So sieh zu, dass sie deine Schätze annehmen!
Sie sind mißtrauisch gegen die Einsiedler und glauben nicht,
daß wir kommen, um zu schenken.
Unsre Schritte klingen ihnen zu einsam durch die Gassen.
Und wie wenn sie Nachts in ihren Betten einen Mann gehen hören,
lange bevor die Sonne aufsteht,
so fragen sie sich wohl: wohin will der Dieb?
Gehe nicht zu den Menschen und bleibe im Walde!
Gehe lieber noch zu den Tieren!
Warum willst du nicht sein, wie ich,
- ein Bär unter Bären, ein Vogel unter Vögeln?''
''Und was macht der Heilige im Walde?'' fragte Zarathustra.
Der Heilige antwortete:
''Ich mache Lieder und singe sie,
und wenn ich Lieder mache, lache,
weine und brumme ich: also lobe ich Gott.
Mit Singen, Weinen, Lachen und Brummen lobe ich den Gott,
der mein Gott ist. Doch was bringst du uns zum Geschenke?''
Als Zarathustra diese Worte gehört hatte,
grüsste er den Heiligen und sprach:
''Was hätte ich euch zu geben!
Aber lasst mich schnell davon, dass ich euch Nichts nehme!'' -
Und so trennten sie sich von einander,
der Greis und der Mann, lachend, gleichwie zwei Knaben lachen.
Als Zarathustra aber allein war,
sprach er also zu seinem Herzen:
''Sollte es denn möglich sein!
Dieser alte Heilige hat in seinem Walde noch Nichts davon gehört,
dass Gott tot ist!''
(13) Georg Trakl "Die Raben"(Sun, 10 Sep 2006 21:02:19 +0200) Über den schwarzen Winkel hasten
Am Mittag die Raben mit hartem Schrei.
Ihr Schatten streift an der Hirschkuh vorbei
Und manchmal sieht man sie mürrisch rasten.
O wie sie die braune Stille stören,
In der ein Acker sich verzückt,
Wie ein Weib, das schwere Ahnung berückt,
Und manchmal kann man sie keifen hören
Um ein Aas, das sie irgendwo wittern,
Und plötzlich richten nach Nord sie den Flug
Und schwinden wie ein Leichenzug
In Lüften, die von Wollust zittern.
Klavier: Elisa Theusner
(12) Georg Trakl "Gesang zur Nacht"(Sun, 10 Sep 2006 20:57:14 +0200) 1
Vom Schatten eines Hauchs geboren
Wir wandeln in Verlassenheit
Und sind im Ewigen verloren,
Gleich Opfern unwissend, wozu sie geweiht.
Gleich Bettlern ist uns nichts zu eigen,
Uns Toren am verschloßnen Tor.
Wie Blinde lauschen wir ins Schweigen,
In dem sich unser Flüstern verlor.
Wir sind die Wandrer ohne Ziele,
Die Wolken, die der Wind verweht,
Die Blumen, zitternd in Todeskühle,
Die warten, bis man sie niedermäht.
2
Daß sich die letzte Qual an mir erfülle,
Ich wehr' euch nicht, ihr feindlich dunklen Mächte.
Ihr seid die Straße hin zur großen Stille,
Darauf wir schreiten in die kühlsten Nächte.
Es macht mich euer Atem lauter brennen,
Geduld! Der Stern verglüht, die Träume gleiten
In jene Reiche, die sich uns nicht nennen,
Und die wir traumlos dürfen nur beschreiten.
3
Du dunkle Nacht, du dunkles Herz,
Wer spiegelt eure heiligsten Gründe,
Und eurer Bosheit letzte Schlünde?
Die Maske starrt vor unserm Schmerz -
Vor unserm Schmerz, vor unsrer Lust
Der leeren Maske steinern Lachen,
Daran die irdnen Dinge brachen,
Und das uns selber nicht bewußt.
Und steht vor uns ein fremder Feind,
Der höhnt, worum wir sterbend ringen,
Daß trüber unsre Lieder klingen
Und dunkel bleibt, was in uns weint.
4
Du bist der Wein, der trunken macht,
Nun blut ich hin in süßen Tänzen
Und muß mein Leid mit Blumen kränzen!
So will's dein tiefster Sinn, o Nacht!
Ich bin die Harfe in deinem Schoß,
Nun ringt um meine letzten Schmerzen
Dein dunkles Lied in meinem Herzen
Und macht mich ewig, wesenlos.
5
Tiefe Ruh - o tiefe Ruh!
Keine fromme Glocke läutet,
Süße Schmerzensmutter du -
Deinen Frieden todgeweitet.
Schließ mit deinen kühlen, guten
Händen alle Wunden zu -
Daß nach innen sie verbluten -
Süße Schmerzensmutter - du!
6
O laß mein Schweigen sein dein Lied!
Was soll des Armen Flüstern dir,
Der aus des Lebens Gärten schied?
Laß namenlos dich sein in mir -
Die traumlos in mir aufgebaut,
Wie eine Glocke ohne Ton,
Wie meiner Schmerzen süße Braut
Und meiner Schlafe trunkner Mohn.
7
Blumen hörte ich sterben im Grund
Und der Bronnen trunkne Klage
Und ein Lied aus Glockenmund,
Nacht, und eine geflüsterte Frage;
Und ein Herz - o todeswund,
Jenseits seiner armen Tage.
8
Das Dunkel löschte mich schweigend aus,
Ich ward ein toter Schatten im Tag -
Da trat ich aus der Freude Haus
In die Nacht hinaus.
Nun wohnt ein Schweigen im Herzen mir,
Das fühlt nicht nach den öden Tag -
Und lächelt wie Dornen auf zu dir,
Nacht - für und für!
9
O Nacht, du stummes Tor vor meinem Leid,
Verbluten sieh dies dunkle Wundenrnal
Und ganz geneigt den Taumelkelch der Qual!
O Nacht, ich bin bereit!
O Nacht, du Garten der Vergessenheit
Um meiner Armut weltverschloss'nen Glanz,
Das Weinlaub welkt, es welkt der Dornenkranz.
O komm, du hohe Zeit!
10
Es hat mein Dämon einst gelacht,
Da war ich ein Licht in schimmernden Gärten,
Und hatte Spiel und Tanz zu Gefährten
Und der Liebe Wein, der trunken macht.
Es hat mein Dämon einst geweint.
Da war ich ein Licht in schmerzlichen Gärten
Und hatte die Demut zum Gefährten,
Deren Glanz der Armut Haus bescheint.
Doch nun mein Dämon nicht weint noch lacht,
Bin ich ein Schatten verlorener Gärten
Und habe zum todesdunklen Gefährten
Das Schweigen der leeren Mitternacht.
11
Mein armes Lächeln, das um dich rang,
Mein schluchzendes Lied im Dunkel verklang.
Nun will mein Weg zu Ende gehn.
Laß treten mich in deinen Dom
Wie einst, ein Tor, einfältig, fromm,
Und stumm anbetend vor dir stehn.
12
Du bist in tiefer Mitternacht
Ein totes Gestade an schweigendem Meer,
Ein totes Gestade: Nimmermehr!
Du bist in tiefer Mitternacht.
Du bist in tiefer Mitternacht
Der Himmel, in dem du als Stern geglüht,
Ein Himmel, aus dem kein Gott mehr blüht.
Du bist in tiefer Mitternacht.
Du bist in tiefer Mitternacht
Ein Unempfangner in süßem Schoß,
Und nie gewesen, wesenlos!
Du bist in tiefer Mitternacht.
Klavier: Elisa Theusner
(11) Johann Wolfang Goethe "Faust 1 - Prolog im Himmel"(Sun, 20 Aug 2006 10:41:15 +0200) MEPHISTOPHELES:
Da du, o Herr, dich einmal wieder nahst
Und fragst, wie alles sich bei uns befinde,
Und du mich sonst gewöhnlich gerne sahst,
So siehst du mich auch unter dem Gesinde.
Verzeih, ich kann nicht hohe Worte machen,
Und wenn mich auch der ganze Kreis verhöhnt;
Mein Pathos brächte dich gewiß zum Lachen,
Hättst du dir nicht das Lachen abgewöhnt.
Von Sonn' und Welten weiß ich nichts zu sagen,
Ich sehe nur, wie sich die Menschen plagen.
Der kleine Gott der Welt bleibt stets von gleichem Schlag,
Und ist so wunderlich als wie am ersten Tag.
Ein wenig besser würd er leben,
Hättst du ihm nicht den Schein des Himmelslichts gegeben;
Er nennt's Vernunft und braucht's allein,
Nur tierischer als jedes Tier zu sein.
Er scheint mir, mit Verlaub von euer Gnaden,
Wie eine der langbeinigen Zikaden,
Die immer fliegt und fliegend springt
Und gleich im Gras ihr altes Liedchen singt;
Und läg er nur noch immer in dem Grase!
In jeden Quark begräbt er seine Nase.
DER HERR:
Hast du mir weiter nichts zu sagen?
Kommst du nur immer anzuklagen?
Ist auf der Erde ewig dir nichts recht?
MEPHISTOPHELES:
Nein Herr! ich find es dort, wie immer, herzlich schlecht.
Die Menschen dauern mich in ihren Jammertagen,
Ich mag sogar die armen selbst nicht plagen.
DER HERR:
Kennst du den Faust?
MEPHISTOPHELES:
Den Doktor?
DER HERR:
Meinen Knecht!
MEPHISTOPHELES:
Fürwahr! er dient Euch auf besondre Weise.
Nicht irdisch ist des Toren Trank noch Speise.
Ihn treibt die Gärung in die Ferne,
Er ist sich seiner Tollheit halb bewußt;
Vom Himmel fordert er die schönsten Sterne
Und von der Erde jede höchste Lust,
Und alle Näh und alle Ferne
Befriedigt nicht die tiefbewegte Brust.
DER HERR:
Wenn er mir jetzt auch nur verworren dient,
So werd ich ihn bald in die Klarheit führen.
Weiß doch der Gärtner, wenn das Bäumchen grünt,
Das Blüt und Frucht die künft'gen Jahre zieren.
MEPHISTOPHELES:
Was wettet Ihr? den sollt Ihr noch verlieren!
Wenn Ihr mir die Erlaubnis gebt,
Ihn meine Straße sacht zu führen.
DER HERR:
Solang er auf der Erde lebt,
So lange sei dir's nicht verboten,
Es irrt der Mensch so lang er strebt.
MEPHISTOPHELES:
Da dank ich Euch; denn mit den Toten
Hab ich mich niemals gern befangen.
Am meisten lieb ich mir die vollen, frischen Wangen.
Für einem Leichnam bin ich nicht zu Haus;
Mir geht es wie der Katze mit der Maus.
DER HERR:
Nun gut, es sei dir überlassen!
Zieh diesen Geist von seinem Urquell ab,
Und führ ihn, kannst du ihn erfassen,
Auf deinem Wege mit herab,
Und steh beschämt, wenn du bekennen mußt:
Ein guter Mensch, in seinem dunklen Drange,
Ist sich des rechten Weges wohl bewußt.
MEPHISTOPHELES:
Schon gut! nur dauert es nicht lange.
Mir ist für meine Wette gar nicht bange.
Wenn ich zu meinem Zweck gelange,
Erlaubt Ihr mir Triumph aus voller Brust.
Staub soll er fressen, und mit Lust,
Wie meine Muhme, die berühmte Schlange.
DER HERR:
Du darfst auch da nur frei erscheinen;
Ich habe deinesgleichen nie gehaßt.
Von allen Geistern, die verneinen,
ist mir der Schalk am wenigsten zur Last.
Des Menschen Tätigkeit kann allzu leicht erschlaffen,
er liebt sich bald die unbedingte Ruh;
Drum geb ich gern ihm den Gesellen zu,
Der reizt und wirkt und muß als Teufel schaffen.
Doch ihr, die echten Göttersöhne,
Erfreut euch der lebendig reichen Schöne!
Das Werdende, das ewig wirkt und lebt,
Umfass euch mit der Liebe holden Schranken,
Und was in schwankender Erscheinung schwebt,
Befestigt mit dauernden Gedanken!
MEPHISTOPHELES (allein):
Von Zeit zu Zeit seh ich den Alten gern,
Und hüte mich, mit ihm zu brechen.
Es ist gar hübsch von einem großen Herrn,
So menschlich mit dem Teufel selbst zu sprechen.
(10) Jubiläumsausgabe - Axel Wandtke spricht von Goethe - "An den Mond" und "Prometheus"(Sun, 20 Aug 2006 10:26:00 +0200) Goethe - An den Mond
Füllest wieder Busch und Tal
Still mit Nebelglanz,
Lösest endlich auch einmal
Meine Seele ganz.
Breitest über mein Gefild
Lindernd deinen Blick,
Wie des Freundes Auge mild
Über mein Geschick.
Jeden Nachklang fühlt mein Herz
Froh- und trüber Zeit,
Wandle zwischen Freud' und Schmerz
In der Einsamkeit.
Fliesse, fliesse, lieber Fluss!
Nimmer werd' ich froh,
So verrauschte Scherz und Kuss,
Und die Treue so.
Ich besass es doch einmal,
Was so kostlich ist!
Dass man doch zu seiner Qual
Nimmer es vergisst!
Rausche, Fluss, das Tal entlang,
Ohne Rast und Ruh,
Rausche, flüstre meinem Sang
Melodien zu,
Wenn du in der Winternacht
Wütend ueberschwillst,
Oder um die Frühlingspracht
Junger Knospen quillst.
Selig, wer sich vor der Welt
Ohne Hass verschliesst,
Einen Freund am Busen hält
Und mit dem geniesst.
Was, von Menschen nicht gewusst
Oder nicht bedacht,
Durch das Labyrinth der Brust
Wandelt in der Nacht.
Goethe - Prometheus
Bedecke deinen Himmel, Zeus,
Mit Wolkendunst!
Und übe dem Knaben gleich,
Der Disteln köpft,
An Eichen dich und Bergeshöhn!
Mußt mir meine Erde
Doch lassen stehn,
Und meine Hütte,
Die du nicht gebaut,
Und meinen Herd,
Um dessen Glut
Du mich beneidest.
Ich kenne nichts Ärmeres
Unter der Sonn als euch Götter.
Ihr nähret kümmerlich
Von Opfersteuern
Und Gebetshauch
Eure Majestät
Und darbtet, wären
Nicht Kinder und Bettler
Hoffnungsvolle Toren.
Da ich ein Kind war,
Nicht wußte, wo aus noch ein,
Kehrte mein verirrtes Aug
Zur Sonne, als wenn drüber wär
Ein Ohr zu hören meine Klage,
Ein Herz wie meins,
Sich des Bedrängten zu erbarmen.
Wer half mir wider
Der Titanen Übermut?
Wer rettete vom Tode mich,
Von Sklaverei?
Hast du's nicht alles selbst vollendet,
Heilig glühend Herz?
Und glühtest, jung und gut,
Betrogen, Rettungsdank
Dem Schlafenden dadroben?
Ich dich ehren? Wofür?
Hast du die Schmerzen gelindert
Je des Beladenen?
Hast du die Tränen gestillet
Je des Geängsteten?
Hat nicht mich zum Manne geschmiedet
Die allmächtige Zeit
Und das ewige Schicksal,
Meine Herren und deine?
Wähntest du etwa,
Ich sollte das Leben hassen,
In Wüsten fliehn,
Weil nicht alle Knabenmorgen-
Blütenträume reiften?
Hier sitze ich, forme Menschen
Nach meinem Bilde,
Ein Geschlecht, das mir gleich sei,
Zu leiden,zu weinen,
Zu genießen und zu freuen sich,
Und dein nicht zu achten,
Wie ich.
Ich danke dir, Axel und auch Ulrike für die musikalische Untermalung.
(09) Johann Wolfgang Goethe "Der Zauberlehrling"(Sat, 19 Aug 2006 17:56:41 +0200) Hat der alte Hexenmeister
Sich doch einmal wegbegeben!
Und nun sollen seine Geister
Auch nach meinem Willen leben.
Seine Wort und Werke
Merkt ich und den Brauch,
Und mit Geistesstärke
Tu ich Wunder auch.
Walle! walle
Manche Strecke,
Daß, zum Zwecke,
Wasser fließe
Und mit reichem, vollem Schwalle
Zu dem Bade sich ergieße.
Und nun komm, du alter Besen!
Nimm die schlechten Lumpenhüllen!
Bist schon lange Knecht gewesen:
Nun erfülle meinen Willen!
Auf zwei Beinen stehe,
Oben sei ein Kopf,
Eile nun und gehe
Mit dem Wassertopf!
Walle! walle
Manche Strecke,
Daß, zum Zwecke,
Wasser fließe
Und mit reichem, vollem Schwalle
Zu dem Bade sich ergieße.
Seht, er läuft zum Ufer nieder!
Wahrlich! ist schon an dem Flusse,
Und mit Blitzesschnelle wieder
Ist er hier mit raschem Gusse.
Schon zum zweiten Male!
Wie das Becken schwillt!
Wie sich jede Schale
Voll mit Wasser füllt!
Stehe! stehe!
Denn wir haben
Deiner Gaben
Vollgemessen!
Ach, ich merk es! Wehe! wehe!
Hab ich doch das Wort vergessen!
Ach, das Wort, worauf am Ende
Er das wird, was er gewesen!
Ach, er läuft und bringt behende!
Wärst du doch der alte Besen!
Immer neue Güsse
Bringt er schnell herein,
Ach, und hundert Flüsse
Stürzen auf mich ein!
Nein, nicht länger
Kann ichs lassen:
Will ihn fassen!
Das ist Tücke!
Ach, nun wird mir immer bänger!
Welche Miene! welche Blicke!
O, du Ausgeburt der Hölle!
Soll das ganze Haus ersaufen?
Seh ich über jede Schwelle
Doch schon Wasserströme laufen.
Ein verruchter Besen,
Der nicht hören will!
Stock, der du gewesen,
Steh doch wieder still!
Willst am Ende
Gar nicht lassen?
Will dich fassen,
Will dich halten
Und das alte Holz behende
Mit dem scharfen Beile spalten!
Seht, da kommt er schleppend wieder!
Wie ich mich nur auf dich werfe,
Gleich, o Kobold, liegst du nieder;
Krachend trifft die glatte Schärfe.
Wahrlich! brav getroffen!
Seht, er ist entzwei!
Und nun kann ich hoffen,
Und ich atme frei!
Wehe! wehe!
Beide Teile
Stehn in Eile
Schon als Knechte
Völlig fertig in die Höhe!
Helft mir, ach! ihr hohen Mächte!
Und sie laufen! Naß und nässer
Wirds im Saal und auf den Stufen:
Welch entsetzliches Gewässer!
Herr und Meister, hör mich rufen! -
Ach, da kommt der Meister!
Herr, die Not ist groß!
Die ich rief, die Geister,
Werd ich nun nicht los.
"In die Ecke,
Besen! Besen!
Seids gewesen!
Denn als Geister
Ruft euch nur, zu seinem Zwecke,
Erst hervor der alte Meister."
Der Zauberlehrling als fantasievolles Bilderbuch.24 Seiten in Halbleder gebunden bei buch24.de
(08) Friedrich Nietzsche "Die fröhliche Wissenschaft 276"(Tue, 25 Jul 2006 18:57:37 +0200) Noch lebe ich, noch denke ich:
ich muss noch leben, denn ich muss noch denken.
Sum, ergo cogito: cogito, ergo sum.
Heute erlaubt sich Jedermann
seinen Wunsch und liebsten Gedanken auszusprechen:
nun, so will auch ich sagen,
was ich mir heute von mir selber wünschte
und welcher Gedanke mir dieses Jahr zuerst über das Herz lief,
welcher Gedanke mir Grund,
Bürgschaft und Süßigkeit alles weiteren Lebens sein soll!
Ich will immer mehr lernen,
das Notwendige an den Dingen als das Schöne sehen:
so werde ich Einer von Denen sein, welche die Dinge schön machen.
Amor fati: das sei von nun an meine Liebe!
Ich will keinen Krieg gegen das Hässliche führen.
Ich will nicht anklagen, ich will nicht einmal die Ankläger anklagen.
Wegsehen sei meine einzige Verneinung!
Und, Alles in Allem und Großen:
ich will irgendwann einmal nur noch ein Ja-sagender sein!
(07) Heinrich Heine "Ein Jüngling liebt ein Mädchen"(Mon, 10 Jul 2006 18:04:00 +0200) Ein Jüngling liebt ein Mädchen,
Die hat einen andern erwählt;
Der andre liebt eine andre,
Und hat sich mit dieser vermählt.
Das Mädchen heiratet aus Ärger
Den ersten besten Mann,
Der ihr in den Weg gelaufen;
Der Jüngling ist übel dran.
Es ist eine alte Geschichte,
Doch bleibt sie immer neu;
Und wem sie just passieret,
Dem bricht das Herz entzwei.
(06) Heinrich Heine "Weil ich dich liebe"(Mon, 10 Jul 2006 18:03:00 +0200) Weil ich dich liebe, muß ich fliehend
Dein Antlitz meiden - zürne nicht.
Wie paßt dein Antlitz, schön und blühend,
Zu meinem traurigen Gesicht!
Weil ich dich liebe, wird so bläßlich,
So elend mager mein Gesicht -
Du fändest mich am Ende häßlich -
Ich will dich meiden - zürne nicht.
Bild(wikisource): Claude Monet - Waterlilies
(05) Heinrich Heine "Nicht mal einen einzgen Kuß"(Mon, 10 Jul 2006 18:01:45 +0200) Nicht mal einen einzgen Kuß,
Nach so monatlangem Lieben!
Und so bin ich Allerärmster
Trocknen Mundes stehngeblieben.
Einmal kam das Glück mir nah -
Schon konnt ich den Atem spüren -
Doch es flog vorüber - ohne
Mir die Lippen zu berühren.
Bild(wikisource): Gustav Klimt - Der Kuss
(04) Heinrich Heine "Nicht lange täuschte mich das Glück"(Mon, 10 Jul 2006 18:00:00 +0200) Nicht lange täuschte mich das Glück,
Das du mir zugelogen,
Dein Bild ist wie ein falscher Traum
Mir durch das Herz gezogen.
Der Morgen kam, die Sonne schien,
Der Nebel ist zerronnen;
Geendigt hatten wir schon längst,
Eh wir noch kaum begonnen.
Bild (wikisource): Claude Monet - Branch of the Seine near Giverny
------------------------------------------------------------------------
Heinrich Heine Das Buch der Liederversandkostenfrei bei Buch24.de------------------------------------------------------------------------
(03) Friedrich Schiller "Der Handschuh"(Mon, 03 Jul 2006 18:53:06 +0200) Vor seinem Löwengarten,
Das Kampfspiel zu erwarten,
Saß König Franz,
Und um ihn die Großen der Krone,
Und rings auf hohem Balkone
Die Damen in schönem Kranz.
Und wie er winkt mit dem Finger,
Auf tut sich der weite Zwinger,
Und hinein mit bedächtigem Schritt
Ein Löwe tritt,
Und sieht sich stumm
Rings um,
Mit langem Gähnen,
Und schüttelt die Mähnen,
Und streckt die Glieder,
Und legt sich nieder.
Und der König winkt wieder,
Da öffnet sich behänd
Ein zweites Tor,
Daraus rennt
Mit wildem Sprunge
Ein Tiger hervor,
Wie der den Löwen erschaut,
Brüllt er laut,
Schlägt mit dem Schweif
Einen furchtbaren Reif,
Und recket die Zunge,
Und im Kreise scheu
Umgeht er den Leu
Grimmig schnurrend;
Drauf streckt er sich murrend
Zur Seite nieder.
Und der König winkt wieder,
Da speit das doppelt geöffnete Haus
Zwei Leoparden auf einmal aus,
Die stürzen mit mutiger Kampfbegier
Auf das Tigertier,
Das packt sie mit seinen grimmigen Tatzen,
Und der Leu mit Gebrüll
Richtet sich auf, da wird's still,
Und herum im Kreis,
Von Mordsucht heiß,
Lagern die gräulichen Katzen.
Da fällt von des Altans Rand
Ein Handschuh von schöner Hand
Zwischen den Tiger und den Leun
Mitten hinein.
Und zu Ritter Delorges spottenderweis
Wendet sich Fräulein Kunigund:
»Herr Ritter, ist Eure Lieb so heiß,
Wie Ihr mir's schwört zu jeder Stund,
Ei, so hebt mir den Handschuh auf.«
Und der Ritter in schnellem Lauf
Steigt hinab in den furchtbarn Zwinger
Mit festem Schritte,
Und aus der Ungeheuer Mitte
Nimmt er den Handschuh mit keckem Finger.
Und mit Erstaunen und mit Grauen
Sehen's die Ritter und Edelfrauen,
Und gelassen bringt er den Handschuh zurück.
Da schallt ihm sein Lob aus jedem Munde,
Aber mit zärtlichem Liebesblick -
Er verheißt ihm sein nahes Glück -
Empfängt ihn Fräulein Kunigunde.
Und er wirft ihr den Handschuh ins Gesicht:
»Den Dank, Dame, begehr ich nicht«,
Und verlässt sie zur selben Stunde.
König Franz - Wiki
Leni Lauritsch und Markus Kircher haben aus der hier gesprochenen Tonaufnahme einen herrlichen Pantomime-Film gemacht.
www.filmmechaniker.com
function fbs_click() {u=location.href;t=document.title;window.open('http://www.facebook.com/sharer.php?u='+encodeURIComponent(u)+'&t='+encodeURIComponent(t),'sharer','toolbar=0,status=0,width=626,height=436');return false;} html .fb_share_link { padding:2px 0 0 20px; height:16px; background:url(http://b.static.ak.fbcdn.net/images/share/facebook_share_icon.gif?8:26981) no-repeat top left; }Auf Facebook teilen
(02) Friedrich Nietzsche "Brief an Heinrich Köselitz" und "Ecco Homo" (Thu, 22 Jun 2006 21:35:35 +0200) Friedrich Nietzsche
Marienbad 1880: Brief an Heinrich Köselitz
"...Es sind die härtesten Opfer,
die mein Gang im Leben und Denken von mir verlangt hat-
noch jetzt schwankt nach einer Stunde sympathischer Unterhaltung
mit wildfremden Menschen meine ganze Philosophie,
es scheint mir so thöricht, Recht haben zu wollen
um den Preis von Liebe,
und sein Werthvollstes nicht mittheilen zu können,
um nicht die Sympathie aufzuheben."
------------------------------------------
Friedrich Nietzsche
Ecce homo
Warum ich so weise bin.
1
..Mein Vater starb mit sechsunddreissig Jahren:
er war zart, liebenswürdig und morbid,
wie ein nur zum Vorübergehn bestimmtes Wesen,..
Mitten in Martern, ... besass ich eine Dialektiker-Klarheit par excellence
und dachte Dinge sehr kaltblütig durch,
zu denen ich in gesünderen Verhältnissen
nicht Kletterer, nicht raffiniert, nicht kalt genug bin.
Mein Blut läuft langsam.
Ein Arzt, der mich länger als Nervenkranken behandelte,
sagte schliesslich: "nein! an Ihren Nerven liegt's nicht,
ich selber bin nur nervös."
2
Jene Energie zur absoluten Vereinsamung und Herauslösung
aus gewohnten Verhältnissen, der Zwang gegen mich,
mich nicht mehr besorgen, bedienen, beärzteln zu lassen -
das verräth die unbedingte Instinkt-Gewissheit darüber,
was damals vor Allem noth that. Ich nahm mich selbst in die Hand,
ich machte mich selbst wieder gesund:
die Bedingung dazu jeder Physiologe wird das zugeben-
dass man im Grunde gesund ist.
...für einen typisch Gesunden kann umgekehrt Kranksein
sogar ein energisches Stimulans zum Leben,
zum Mehr-leben sein.
So in der That erscheint mir jetzt jene lange Krankheits-Zeit:
ich entdeckte das Leben gleichsam neu,..
ich machte aus meinem Willen zur
Gesundheit, zum Leben, meine Philosophie ...
Denn man gebe Acht darauf:
die Jahre meiner niedrigsten Vitalität waren es,
wo ich aufhörte, Pessimist zu sein..
...der Instinkt der Selbst-Wiederherstellung
verbot mir eine Philosophie der Armuth und Entmuthigung...
...was ihn nicht umbringt, macht ihn stärker.
(01) Johann Wolfgang von Goethe "Faust 2 - Milde Gegend"(Wed, 14 Jun 2006 19:39:31 +0200) Elisa Theusner liest:
Der Tragödie zweiter Teil / 1. Akt
Anmutige Gegend / Faust
Des Lebens Pulse schlagen frisch lebendig,
ätherische Dämmerung milde zu begrüßen;
Du, Erde, warst auch diese Nacht beständig
Und atmest neu erquickt zu meinen Füßen,
Beginnest schon, mit Lust mich zu umgeben,
Du regst und rührst ein kräftiges Beschließen,
Zum höchsten Dasein immerfort zu streben.
...
Und stufenweis herab ist es gelungen; -
Sie tritt hervor! - und, leider schon geblendet,
Kehr' ich mich weg, vom Augenschmerz durchdrungen.
So ist es also, wenn ein sehnend Hoffen
Dem höchsten Wunsch sich traulich zugerungen,
Erfüllungspforten findet flügeloffen;
Nun aber bricht aus jenen ewigen Gründen
Ein Flammenübermaß, wir stehn betroffen;
Des Lebens Fackel wollten wir entzünden,
Ein Feuermeer umschlingt uns, welch ein Feuer!
Ist's Lieb'? ist's Haß? die glühend uns umwinden,
Mit Schmerz und Freuden wechselnd ungeheuer,
So daß wir wieder nach der Erde blicken,
Zu bergen uns in jugendlichstem Schleier.
So bleibe denn die Sonne mir im Rücken!
...
Der Wassersturz, das Felsenriff durchbrausend,
Ihn schau' ich an mit wachsendem Entzücken.
...
Allein wie herrlich, diesem Sturm ersprießend,
Wölbt sich des bunten Bogens Wechseldauer,
Bald rein gezeichnet, bald in Luft zerfließend,
Umher verbreitend duftig kühle Schauer.
Der spiegelt ab das menschliche Bestreben.
Ihm sinne nach, und du begreifst genauer:
Am farbigen Abglanz haben wir das Leben.
"Morgenhimmel" für wikiMedia von flagstaffotos.com
Player(Sat, 10 Jun 2006 22:14:00 +0200)
über Lesung.Podspot.de...(Mon, 05 Jun 2006 16:10:02 +0200) Hier ensteht im wöchentlichen Zyklus ein Podcast
in dem Gedichte, Ausschnitte bekannter Klassiker
und philosophischer Werke vorgetragen werden.
Viel Vergnügen
Juni 2006
Ihr Lieben,
nun gibt es meine Lesung seit 2 Jahren
und ich habe nicht jede Woche einen Podcast veröffentlichen können,
auch habe ich bei weitem nicht mit so einen Erfolg gerechnet...
Jeden Tag gibt es 500 bis 1000 Downloads,
in I-Tunes war der Audio-Podcast "Lesung" im August 2008
unter der Rubrik Literatur auf Platz 2.
I-Tunes-Screenshot August 2008
Aber egal wie, die Liebe zur Literatur und das spielen mit den Tönen wird nicht aufhören...
eure Elisa :)
August 2008
Mein 1. Märchenalbum der Gebrüder Grimm gibt es nun zu kaufen.
Die Originalversionen von "Rumpelstilzchen", "Rapunzel" und "Sechse kommen duch die ganze Welt" kann man nun für 84 Cent bei Amazon oder I-Tunes kaufen. Viel Spass :)
Februar 2009
25.000 mal wurde Goethes "Willkommen und Abschied" heruntergeladen :)
Seid lieb gegrüßt
Februar 2010
Ein paar Fragen, die mir gestellt wurden:
Warum machst du das?
Aus vielen Gründen.. Zum einen weil es mir Freude macht, und zum anderen um den unberührbaren Schleier von der Literatur zu lösen. Ich denke, dass man an ein Gedicht oder an ein philosophisches Werk immer mit Neugier und besonders mit Gefühl rangehen sollte. Viele Probleme und Empfindungen, die in der Schule und im Leben nicht so deutlich besprochen werden und einen jeden am meisten am Herzen liegen, waren schon Thema vor vielen Jahren. Goethe sagte einmal "Alles Gescheite ist schon gedacht worden. Man muß nur versuchen, es noch einmal zu denken.".
Die Schule sollte eine Stütze für junge Menschen sein, dass sie die Angst vor dem Leben verlieren, doch dabei steigt der Druck bei vielen Schülern - gerade wegen der Schule - ins unerträgliche. In der Schule ist keiner da, der einem erklärt was in deinem Kopf passiert, wenn du dich verliebst, denn das ist es, worum es letztendlich dein ganzes Leben gehen wird. Um Erfolg im Leben zu haben sind meiner Meinung Noten zweitrangig, es ist wichtig zu wissen, wer man ist und was man fühlt. Und dabei hilft ein guter Freund, liebe Eltern, gute Lehrer, auch ein guter Film oder ein Buch. :)
Hast du eine Lieblingslesung?
Mhm..., spontan fällt mir der Brief von Rosa Luxemburg ein.
Hast du einen Lieblingssprecher?
Ja, sogar mehrere.. Und ich vergesse bestimmt jetzt viele zu nennen.
Besonders mag ich gerne Sprecher der 50ziger Jahre. Kinskis und besonders Gründgens Stimme mag ich sehr. Corina Harfouch, Andreas Fröhlich, Christian Rode, Peter Groeger... Groeger als Dr. Watson ist einfach genial!..
Es gibt noch einige Synchronsprecher und herrliche DDR-Schallplatten Sprecher, die mir als Kind immer sehr viel Freude gemacht haben.
Juni 2010
email: elisa.theusner@gmail.com
Hinweis: Der Feed "Lesung.Potspot.de" und dessen hier dargestellten RSS-Inhalte liegen urheberrechtlich beim Autor der Betreiber-URL (siehe RSS-Link). Auf den Inhalt von "Lesung.Potspot.de" hat RSS-Nachrichten.de keinen Einfluss. (24169-434--1 - 0)